Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 146)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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306 Derenburg. arbeitet ^a6etן: so muß auch weiter der geschichtliche Trieb wieder lebendig werden und der Lebenssaft weiter den Stamm durchströmen, um in neuer Frische geistige Früchte zu erzeugen. Die Erstarrung, der Tod eines jeden wahren, religiösen Lebens, sich stützend auf die angebliche Abgeschlossenheit, welche einmüthig bezeugt werde, muß der Erkenntniß der geschichtlichen Bewegung weichen." Kühn und unermüdlich in seinen Schriften, war er ebenso offen und unverzagt, ebenso thätig und unverdrossen in seinem Amte. Zu Wiesbaden (1833—1838), Breslau (1840 — 1863), Frankfurt a.M. (1863—1870), Berlin (1870—1874) lehrte er fast sabbatlich auf der Kanzel, ertheilte den Religionsunterricht den Schülern und Confirmanden, und arbeitete an dem Wohle der Gemeinden, die ihm ihre Seelsorge anvertraut hatten. In seinen Predigten wie in seinen Lehrstunden beseelte ihn derselbe Geist, welcher in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und in seinen Vorlesungen wehte. Nur gebot die Pastoralklugheit, in den Predigten der scharfen Kritik einen geringeren Spielraum zu gewähren. Das war weder Gleißnerei noch Schwäche. Der gebildete Theologe bewahrt seine tiefe Verehrung vor der Bibel, wenn er auch die Authenticität irgend eines Verses oder gar einer Schrift derselben zu bezweifeln sich genöthigt sieht. Der gemeine Mann, der in Bausch und Vogen seine Ehrfurcht kund zu geben gewöhnt ist, würde durch die leiseste Skepsis an den heiligen Buchstaben in seinem zarten Gewissen verletzt und beirrt. Es mag allerdings ein Uebelstand sein, daß der nämliche Mann die Wissenschaft zu pflegen und zum Volke zu reden berufen ist; es mag der Uebelstand noch dadurch erhöht werden, daß jener Mann auf der Höhe der Zeit steht, während durch die verkümmerten jüdischen Verhältnisse bis auf die Neuzeit oft Jahrhunderte an der Gemeinde spurlos vorübergegangen sind. Reformversuche sind im Grunde praktische Experimente, welche dahin abzielen, Resultate, die auf gelehrtem Wege gewonnen worden, auf Synagoge und Leben anzuwenden. Wer will hier das richtige Maaß mit mathematischer Zuverlässigkeit bezeichnen und als Norm feststellen? Wenn Frömmler ein Zetergeschrei erhoben darüber, daß man ein Gebet beseitigte, welches bis noch vor dreißig Jahren in allen Synagogen Europa s für eine seit beinahe einem Jahrtausend erloschene geistige Autorität im Orient Vvrgetragen wurde; darüber, baß man der verstandenen Landessprache neben der unverstandenen hebräischen ein Plätzchen im Tempel ein-