Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 144)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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304 Derenburg. an dem ungeheueren Leichenstein, der es decken sollte. Die Jahr- Hunderte, in welchen die neue Religion vorbereitet und angebahnt, gepredigt und verbreitet, ausgebildet und entwickelt ward, diese gewaltigen Jahrhunderte waren für Geiger der würdigste Gegenstand seines Sinnens und Denkens. War man auf der einen Seite bestrebt, den Riß in der Zeitgeschichte so klaffend als möglich darzustellen und alle Erscheinungen innerhalb des Judenthums jener Epoche als die untrüglichen Merkmale eines unwiederbringlichen Verfalls auszufassen, damit die Entstehung des Christenthums um so überraschender, um so wunderbarer die!Gemüther' ergreife, so glaubte Geiger, eine unleugbar so tief und so mächtig einwirkende Thatsache wie die Heidenbekehrung durch den Juden Paulus von Tarsos zur göttlichen Verehrung des Juden Jesus von Nazareth müsse nothwendig allerdings aus dem damaligen Zustande der Heidenwelt, aber gewiß mehr noch und ganz vorzüglich aus dem Entwicklungsgänge der jüdischen Parteien und Ansichten unter den Seleueiden, den Maecabäern und den Herodäern erklärt werden. Hier gab Geiger den gewaltigen Anstoß zur Erschütterung des landläufigen, seit Jahrhunderten herrschenden Vorurtheils, welches die Evangelien über Pharisäer und Sadducäer verbreitet hatten. Seine Ansicht, die sich bereits im Jahre 1835 im ersten Bande seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie (S. 36) ausgesprochen findet, und nach welcher die Pharisäer als die Männer des Fortschrittes und die Sadducäer als die des Stillstandes und der Conservation dargestellt waren, erschien damals so paradox, daß sie zumal in christlichen Kreisen ohne alle Beachtung 6fu; Nach wie vor waren die Pharisäer die Werkheiligen, die HeuchÜ die Trödler, die Jesus aus dem Tempel verjagte. Aber wa§ eine nahebei vierzig Jahre mit vaster Gelehrsamkeit und unermüd licher Energie geführte Vertheidigung einer gewissenhaft gewonnener. Ueberzeugung zu wirken vermag, das kann jeder leicht bemerken der, um nur von dem dogmatisch unbefangenen Theologen zu red^.. den Artikel ״Pharisäer" in Winer's biblischem Realwörterbuc^ (1847) mit dem nämlichen Artikel in Schenkel's Bibellexikon (1872) vergleichen will. Dem Nachweise, daß die Pharisäer nicht todte Verknöcherungen des Veralteten, sondern lebendige Vertreter des Zeitgemäßen, nicht blinde Vergötterer des Bibelbuchstabens, sondern geistvolle Erklärer, zuweilen Berichtiger des Urtextes, nicht eigennützige Vertheidiger ihres Interesses, sondern hingebende, opfer-