Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 303 (sequence 143)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nachruf. 303 teuch und seine Erklärer beziehen, beweisen seine Meisterschaft auf diesem Gebiete und sind von der höchsten Wichtigkeit. Das Jahr 1832 mag ohne Widerrede als eines der bedeutendsten in der Geschichte der jüdischen Literatur bezeichnet werden. Am 20.Juli 1832 Unterzeichnete Zunz die geharnischte Vorrede seines unsterblichen Werkes: ״Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden historisch entwickelt." Der Titel erschien räthselhaft und erregte Staunen; aber man drang in das Innere des Buches vor, und war von Bewunderung ergriffen. In das dunkle Chaos eines zweitausendjährigen Schriftthums strömte ein ungeahntes Licht, und die zerstreuten Elemente ordneten sich und fügten sich zu einem wohlgeregelten Ganzen. Zunz hatte das Schöpferwort gesprochen. Geiger und ich, wir waren entzückt, wir fühlten uns geistig gehoben als Menschen und Juden. Die Brücke von den biblischen Schriften bis auf die Gegenwart war gebaut, die Strebepfeiler, welche sie trugen, waren nicht alle von gleichem Ebenmaße, aber der Weg war gebahnt. Geiger schritt auf ihm voran, er durchwanderte und durchmusterte Mechilta, Sifra und Sifre, Thalmude, und Midraschin und die leitenden Gedanken wie die tendenziösen Abweichungen und Varianten, die er in den Uebersetzungen wahrgenommen hatte, fand er zuweilen halb verwischt und un- oder mißverstanden in dem Ausspruche eines Rabbiners wieder. Selbst manche alte, trockenen Schemata und Formeln der Massorah waren mir in unendlich verjüngtem Maßstabe reducirte Abdrücke jener Ideen, die dem scharfen Blicke seines Genius sichtbar wurden. Jedoch über alle diese bis in's kleinste Detail verfolgten Untersuchungen schwebte bei Geiger die innere, unwandelbare, immer steigende Ueberzeugung vom hohen geistigen und sittlichen Werthe seiner Religion. Ihrer Entwicklung in der Folge der Zeiten nachzugehen und all' sein Wissen ihrer Erkenntniß und ihrer Verherrlichung dienstbar zu machen, war Geiger's höchstes Streben und Ziel. Das Judenthum hatte schwer gerungen, und wenn es auch in seinem Zweikampfe mit dem palästinischen Heidenthum endlich gesiegt, so hatte es in seinem eigenen Schooße den mächtigsten Gegner erwachsen sehen: das Christenthum. Dieses bekämpfte nicht das Judenthum, es leugnete dasselbe und setzte sich an dessen Stelle; es erklärte der Welt, urdi 61 orbi, das Judenthum sei gestorben und gab sich für seinen einzigen Erben aus; und die Welt höhlte das tiefe, dumpfe Grab für die vermeintliche Leiche und arbeitete