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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1875-01-01 · 3-4 (1875) · p. Seite 300

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
11 (1875)
Issue
3-4 (1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 300 (sequence 140)
Language
German
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300 Derenburg Mischnah und Gemara. Der Unterricht in der erstern wurde damals selten ohne unmittelbare Begleitung der zweiten ertheilt, und durch die gewöhnliche Verschmelzung der beiden Elemente des Thalmud das Vorurtheil erweckt, als sei die Gemara die authentische, allein mögliche Erklärung der Mischnah. Durch die Methode Salomons war der junge Geiger genöthigt, in den klaren Wortsinn jedes Paragraphen unabhängig von der recipirten Deutung und im Zusammenhange mit den andern Paragraphen desselben Kapitels einzudringen. Für den offenen Sinn Abrahams wurde diese Methode eine Vorstudie für seine spätere Erkenntniß der verschiedenen Perioden in der Entwickelung der Halacha. In seinem fünfzehnten Jahre begann der Jüngling einen Commentar zur Mischnah in hebräischer Sprache u. d. T. ״Meiri", den er Zwar nicht veröffentlichte, noch vollendete, aber zu mancher Bemerkung in seinem ״Lehrbuche der Mischna" (1845) benutzte. Seine klassische Erziehung erhielt Geiger von guten Privatlehrern seiner Vaterstadt, und nachdem er sich durch solchen Unterricht volle Gymnasialbildung angeeignet hatte, ging er (1829) nach Heidelberg und dann nach Bonn. — Hier traf ich zum ersten Male im Frühling 1832 mit Geiger zusammen. Es wird mir nach so vielen Jahren nicht schwer, den Eindruck zu schildern, den er auf mich machte. Sein Charakter war so tief, so scharf ausgeprägt, daß ich noch Ende April 1874, da ich, leider zum letzten Male, in Berlin einige Tage mit dem lieben, treuherzigen Freunde verlebte, meinen Geiger von 1832 wiederfand. Schon damals zeigte er sich als eine überaus kräftige, selbstbewußte Natur, welche sich seitdem durch eine mehr denn vierzigjährige, unaufhaltsame Thätigkeit in Wissenschaft und Leben so schön bethätigte. In dem gereiften, durch so viele Stürme hindurchgegangenen, bejahrten Manne lebte der nämliche heitere Frohsinn, dieselbe muntere Gemüthlichkeit, die mir in dem kaum 22jährigen Studenten entgegengetreten war. Sein Ernst, wie sein Scherz zogen mich unwiderstehlich an, und nach wenigen Tagen waren wir unzertrennliche Freunde. Die Frühlingssonne der Jugend treibt rasch vom Lebensbaume den strotzenden Saft zu zahllosen Blüthen; doch die meisten wirft der leiseste Lufthauch nieder, wenige nur bergen unter den zarten Blättchen die kräftigere Frucht. Unsere Freundschaft dauerte und trotzte manchem Windstoße, der andere Wohl entwurzelt hätte. Im nämlichen Sommerhalbjahre, noch vor dem Ende des

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