Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 128)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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288 Aus Briefen. Die Prüfung der Thorah in Betreff der Wahrheit ihrer Lehren, wird behauptet, ist untersagt. Ist Das möglich? Kann ein Mensch seine Vernunft unterdrücken, ohne mit sich selbst, mit seiner eigensten edelsten Anlage in beständigem Zwiespalt zu sein? Darf er es und das köstlichste Gut, das ihm von Gott als Auszeichnung verliehen worden, als ein werthloses von sich werfen? Oskar will sich auf die Frage nicht einlassen, ob die Thorah eine solche Prüfung aushalten könne. Das klingt wie ein, sehr ungerechter, Zweifel an deren Vernunftmäßigkeit, den er nur nicht auflommen lassen will. Es ist ihm zuzurufen, daß er mehr Vertrauen haben möge zu der von ihm verehrten Thorah, und er wird sich erst wahrhaft in seiner Verehrung befestigen, wenn sein ganzer Mensch, also vorzüglich sein ganzes Denken und Empfinden mit dem Inhalt in vollem Einklänge steht. Vielleicht wird bei einer solchen Prüfung manche vorgefaßte Meinung über die Thorah eine Berichtigung verlangen und finden, mancher Auswuchs, manche Schlingpflanze, die im Laufe der Zeit sich angerankt und die gesunden Kräfte aufzehrt, manches blos in Zeitanschauungen Wurzelnde, das dann im Voranschreiten der Entwickelung abgewelkt ist, in seiner wahren Gestalt sich zeigen und seine Beseitigung nothwendig fordern, und Was solcher Ergebnisse noch mehr sein mögen. Aber wenn seine Verehrung eine wahre, tief im Innern ruhende und nicht blos mit den Lippen hergesprochene ist, so muß er doch wohl von der fortdauernden Lebenskraft des wahren Thorah-Jnhaltes tief überzeugt sein, und er wird ebenso die Sicherheit in sich tragen, daß das Völle Wesen der Thorah auch durch die strengste Prüfung nicht erschüttert werden kann, und daß umgekehrt dasjenige, was dennoch als wankend sich erweist, eben nicht dem Wesen angehöre. In der That hat zu allen Zeiten solche Prüfung Statt gefunden. Sie ist schon nöthig, um nur überhaupt den Inhalt richtig zu erkennen. Eine jede Erklärung genügt sich nicht mit der Wortbedeutung, sondern verlangt zugleich die Feststellung eines verständigen Sinnes. Verschiedene Deutungsweisen haben sich geltend gemacht; eine jede hat ihre Stütze gesucht in der Angemessenheit des Glaubens, den sie ausgedrückt finden. Nach den Gründen der Gesetze fragen schon die alten Lehrer im Thalmud. Und gar die großen Lehrer des Mittelalters, die französischen wie die-arabischspanischen, ein Samuel ben Meir (Raschbam) wie ein Abraham aben Esra, ein Moses ben Maimon (Maimonides, Rambam), gehen