Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2420973-2421010-2421012--3523-2424376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Miscelle- 275 das Verderben der Juden sinnend, lauschten seiner falschen Beredsamkeit und hoben die Gesetze wirklich auf. Aber man entdeckte, daß Rabbi Reuben Jude sei und führte die Gesetze schnell wieder ein. Nun mußte der Wunderthäter Rabbi Simon ben Jochai nach Rom ziehen, und ihm gelang es (mit Hilfe eines Dämons, בן תמליון genannt, der die Tochter des Kaisers in ihrem Geiste verwirrte, sich aber verabredelermaßen von R. Simon austreiben ließ) die feindlichen Gesetze in Wegfall zu bringen.... So weit der thalmudische Berichterstatter, welcher hier schwerere Opfer als an vielen andern Stellen von der Leichtgläubigkeit der Leser fordert und das Privilegium der Legende mit gleich schwerer Plumpheit mißbraucht. Bei dem Drucke und der Zurücksetzung der damaligen Juden in dem übermüthigen und erbitterten Rom würde sich der opferfreudigste Jude mehr als zwei Mal besonnen haben, bevor er ein Wagniß unternahm, welches einem voraussichtlichen Selbstmord gleichkam, und wo auch nicht entfernt an einen Erfolg der Aufopferung zu denken war. Wie gelockert müßte die Geschäftsordnung des kaiserlichen Rathes gewesen sein, wenn ein ganz fremder Mann sich einschleichen, sich für ein Mitglied der Versammlung ausgeben und sogar mit oppositionellen Reden hervortreten konnte! Solche gewagte und auch geglückte Rollen erträgt man höchstens vom Propheten Elias, der manchmal 400 weit Meilen herbeiflog und in der Gestalt eines Judenfeindes Netter wurde, nicht von einem gedrückten leibhaftigen Juden, den man bei solcher kühnen That in Stücke gerissen hätte, aber von unserem Rabbi Röuben hören wir nicht, daß er ein blutiges Opfer, das man in die 66mom66 863.166 geworfen, sondern nur, daß er in der talmudischen Literatur—- — ~ Tanna geworden! Doch genug des grausamen Spiels der lächerlichen Fabel, die mit einem Geisterspuck endet, wir wollen versuchen, dem Hergange und besonders der Hauptperson beleuchtend näher zu treten. Letztere ist ein alter Bekannter, sie ist kein anderer als unser 222 קמיע בר טו aus Tractat Aboda-Sara 10 b oder Clemens Flavius, kurz jener vornehme Römer, welcher Glaubensgenosse und Freund der Juden und wirklich Opfer seiner That geworden war. Jetzt vertauscht die Erzählung vieles von ihrer müssigen Unwahrheit gegen ein Gepräge von Wahrscheinlichkeit: Der Darsteller sagt übrigens nicht daß Reuben geborner Jude war (das רבי׳ ist später zugesetzt), er sagt nur, derselbe habe sich wie ein vornehmer Heide geschmückt, 18*