Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. 223 haften Ausschmückungen und irrthümlichen Angaben über die alten Zeiten, in die man sich hineinversetzen will, nicht fehlt. Dahin gehören die Wundererzählungen, die der naive Volksglaube dichtete, wie denn besonders die ״fremdesliebenden Bücher der Könige" die Propheten gern zu ״Wundermännern und Wahrsagern" machen, das Buch Jona ist nur als ״Legende" zu betrachten. Aber auch die von den Propheten selbst berichteten Träume und Visionen dürfen, nach dem Verf., lediglich als dichterische Einkleidungen aufgefaßt werden, gerade wie die symbolischen Handlungen, die nicht vorgenommen wurden, wenn sie auch als Befehle Gottes dargestellt werden, und die Vornahme berichtet wird. Auch Sinnestäuschungen sind bei den Visionen nicht ausgeschlossen. Der Verf. scheut es ferner nicht, von ״beschränkten Anschauungen" einzelner Propheten, z. B. Joel's, von der mangelnden Sprachgewandtheit bei andern, wie Ezechiel, und zumal noch Späteren, von ermüdender Weitschweifigkeit selbst bei dem ״zweiten Jesaias"u. dgl. zu sprechen. Gerade, indem er die Propheten in der Sphäre des Reinmenschlichen hält, jeder Berufung auf übernatürliche Einwirkung sich entschlägt, glaubt der Verf. um so mehr die hohe Bedeutung jener prophetischen Männer, den hohen Werth ihrer reinen Begeisterung für religiöse Erkenntniß und sittliche Würde, ihre Vaterländischen Tugenoen, ihren ewigen Einfluß in das rechte Licht zu stellen, und wir zweifeln nicht, daß ihm bei seiner Darstellung, die ebenso warm und schlicht und durch innere Wahrheit gewinnt, insofern der große Umfang des Werkes nicht störend wirkt, gelingen muß, den unbefangenen Leser zu überzeugen und auf seinen Stand- Punkt zu erheben. Indem wir nun das Verdienstliche des Buches anerkennen, erhöht sich uns dessen Bedeutung noch durch die Beachtung der Persönlichkeit des Verfassers. Hr. Dr. Cassel gehört nicht zu den Männern, welche neue Bahnen zu brechen das Streben haben, er hält sich vielmehr mit sehr vorsichtiger Besonnenheit an das zur Geltung Gelangte, er wendet sich nicht rasch neuen Anschauungen zu, er läßt sich nur für Ansichten gewinnen, die nun einmal völlig durchgedrungen und ohne unnatürlichen Zwang nicht mehr abzuweisen sind. Solche Männer mögen wohl nicht als für die Gestaltung der Zukunft maßgebend betrachtet werden, aber sie sind sichere Maßstäbe für Ansichten und Stimmungen, wie sie in der Gegenwart siegreich durchgedrungen sind. So bietet uns das