Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Umschau. daß man das Bibelwort nicht ehrt, wenn man in gezwungener Weise an der Behauptung festhält, daß Schriften und Schrifttheile, die eine spätere Zeit verrathen, älteren Propheten angehören, weil Ueberschriften sie ihnen beilegen, und weil die Theile einem älteren Buche angereiht oder eingefügt worden. Er weist entschieden die Annahme ab, daß die Propheten bestimmte Vorhersagungen einzelner Ereignisse nach ihrer ganzen Ausdehnung gemacht haben, während sie vielmehr lediglich, von der Zukunft sprechend, mit klarem Blicke in die Verhältnisse, mit patriotischem Muthe, mit der frohen Zuversicht auf den hohen Beruf Israels, auf den Sieg der edelsten Wahrheiten sie ausgesprochen. Wenn einem Propheten zu Jerobeam's Zeit eine Verkündigung von des spätern jüdischen Königs Josia Zerstörung der Götzenaltäre in den Mund gelegt wird, so sei Dies Ueberarbeitung des Erzählers. Der zweite Theil des Jesaias-Buches von Cap. 40 an kann, so wird ausgeführt, nicht dem Propheten angehören, dessen Namen das Buch trägt, weil die ganze Gedankenrichtung wie der Sprachcharakter abweichend sind, vorzugsweise, weil die Zustände, die besprochen werden, die Rückkehr aus dem Exile voraussetzen und ganz besonders, weil Cyrus mit Namen genannt wird. Dasselbe gilt, wie nachgewiesen wird, von Stücken in der früheren Hälfte des Jesaiasbuches, welche von dem Falle Babel's und ähnlichen späteren Ereignissen handeln, dasselbe auch von einzelnen Theilen in noch andern Prophetenbüchern, und der Verf. weist nicht minder auf einzelne ״Glosseme" und eingedrungene ״Schreibfehler" hin. Natürlich nimmt der Verf. auch keinen Anstand, das Buch Daniel einem Urheber aus der Zeit Nebukadnezar's, in dessen Namen es auftritt, abzusprechen, und läßt er es vielmehr zu der Zeit niedergeschrieben sein, deren Ereignisse es bald offener, bald in räthselhafter Verhüllung darlegt, nämlich der des Antiochus Epiphones, ohne auf den Anspruch, welchen das Buch erhebt, nämlich Zukunftsoffenbarungen zu sein, Rücksicht zu nehmen. Und in ähnlichem Sinne verfährt er mit dem Verf. des Jona-Buches. So wrrd von dem Verf. ein jeder Versuch, Vorherverkündigungen in den Schriften der Propheten aufzufinden, völlig abgewiesen; was als solche auftritt, ist eben lediglich Zurückdatirung späterer Behandlung bereits geschehener Ereignisse in frühere Zeiten mit der Einkleidung in die Form von Weissagungen und Beilegung an Männer der Vorzeit, wobei es an den mannigfachsten sagen-