Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Umschau. thum habe uns die Religion des Geistes und der Liebe gebracht. Ferne sei es von mir, gegen diese Behauptung etwas einzuwenden. Allein, wenn ich die Geschichte verfolge und dann in der Gegenwart mich umsehe und wahrnehme, wie das Christenthum von vielen Tausenden, ja von den meisten, selbst unter dessen Verkündern, in reine Aeußerlichkeiten, sei es in ein äußeres Thun, sei es in ein äußeres Fürwahrhalten, gesetzt ward und noch wird, und dabei wiederholen höre, es sei die Religion des Geistes — wenn ich überdenke, welche Gräuel unter der׳ christlichen Fahne verübt, welche Ströme unschuldigen Blutes im Namen des Christenthums vergossen wurden, zu welchem gegenseitigen Haß und welcher Erbitterung die Menschen in der unmittelbarsten Gegenwart und in meiner unmittelbaren Nähe in eben demselben Namen sich Hinreißen lassen, und dabei wiederholen höre, es sei die Religion der Liebe: dann kann ich mich kaum enthalten, in der Stille zu sagen: ,Wir Menschen haben zuweilen doch eine gar sonderbare Logik!*" Man muß solche Urtheile aufsuchen und bewahren gegenüber den herkömmlichen Redensarten, welche mit dem Christenthum, man möchte sagen, eine Art Götzendienst treiben, indem sie ihm Wirkungen beilegen, die mit Jgnorirung des geschichtlichen Ganges behauptet werden. Ein Beispiel aus der neusten Zeit genüge! Franz v. Löher hat eine Festrede ״über Deutschlands Weltstellung" in der bayerischen Akademie der Wissenschaften am 25. Juli gehalten; sie ist in der Beilage zur Allgem. Ztg. vom 13. August ff. abgedruckt. Da heißt es nun einleitend unter Anderm: ״Seit das Christenthum die Völker erfüllt und gereist hat, trifft ein jedes wiederholt Auf- und Niedergang, aber kein völliges Absterben mehr: sie sind fortblühende Völker. Ihr Charakter und Schicksal zeigt ein Menschenalter ums andere ein so ähnliches Gesicht, daß man sich zur Annähme versucht fühlt, ihre Entwicklung bewege sich in großen Spirallinien, nur von immer weiterer Schwingung." Ist dies geschichtlich wahr? Ich will nicht von dem weströmischen Reiche sprechen, welches durch das Christenthum nicht erhalten werden konnte, sondern durch die heranfluthenden Völker in Stücke zerbrochen wurde, die allmälig erst wieder für das Christenthum gewonnen wurden, nicht sprechen von Spanien, das sieben Jahrhunderte seine Gestalt, und zwar seine edlere Bildung, vom Islam empfing. Mehr aber beweist das byzantinische Reich, das gerade auf der Geburtsstätte christlicher Herrschaft erwachsen, immer mehr dahinsiechte und end-