Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1875-01-01 · 3-4 (1875) · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
11 (1875)
Issue
3-4 (1875)
Date
1875-01-01
Page
Seite 193 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2420973-2421010-2421012--3441-2424294
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 193 wäre, zwei Gegensätze, die ihr gleich verderblich werden müßten, da sie, wiewohl auf entgegengesetzte Art, deren Hauptgrundlage, die Familie, ausschließen. Die mittelalterliche Menschheit mußte alle ihre Kräfte anstrengen, um diese zwei mächtigen Principien zu bekämpfen, wovon das eine sie in eine weite Einsiedelei, wo die Familie aufhört, und nur das Individuum bleibt, das andere in ein großes Narrenhaus zu verwandeln drohte, dessen Bewohner in beständigem Widerspruch mit der Moral und dem gemeinen Menschenverstand sich befinden. Auf der einen Seite priesen die Kirchen- Väter und kirchlichen Schriftsteller einstimmig die Ehelosigkeit als den einzigen Stand, der es dem Menschen ermögliche, zur Vollkommenheit zu gelangen — eine nicht allein unsinnige, sondern auch in hohem Grad unsittliche Lehre, weil sie den Egoismus proclamirt, weil sie die erste Grundlage der menschlichen Gesellschast untergräbt, und weil nach ihr die menschliche Vollkommenheit mit den Natur- und Socialgesetzen, ja mit dem Dasein der Menschheit selbst in offenbarem Widerspruch steht. Daß man die Ehe heilig erklärt hatte, was vielen als eines der großen Verdienste der christlichen Kirche erscheint, dies macht den Eindruck eines Hohnes auf den, der das Mittelalter kennt, und in der Nähe jene endlose Reihe angesehenster Männer gesehen, die bei jedem Anlaß, mit dem Beispiel sowohl als auch in Wort und Schrift, die Ehe und das Weib verschreien. Auf der andern Seite und auf dem entgegengesetzten Wege drang das Ritterwesen zu den nämlichen verderblichen Consequenzen hin, indem es die Bande der Ehe löste und das Weib der ersten Grundlage seiner Würde, der Sittsamkeit und Selbstachtung, beraubte. So geschah es, daß, trotz gewisser reinster Typen, welche die heilige Geschichte und die christliche Legende aufwies, trotz des Weihrauchs, der dem weiblichen Geschlecht in Ritterromanen, Turnieren und Minnehöfen gestreut wurde, das Weib zu keiner anderen Zeit schändlicher insultirt, verhöhnt und verspottet ward, von den ernstesten Schriften der Theologen und bis hinab zur Gassenpoesie und zum Gassentheater? Das wären also die gepriesenen Güter, welche das Christenthum dem Weibe gebracht!" ״Aber was hat es denn überhaupt gebracht? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht dieses Ortes. Da wir aber gerade darauf geführt worden, so möge hier noch eine Bemerkung stehen, die unserem Gegenstand nicht so fremd ist, wie es wohl scheinen möchte. Man hört in unseren Tagen oft wiederholen: das Christen- Vierteljahresschrift XI. 3. 4. 13

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.