Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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192 Umschau. kraft für Menschen haben konnten, welche, wie die Christen, alles Irdische verachten und sich davon ferne halten zu müssen glaubten, weist er nach, daß es eine Inkonsequenz war, wenn sich das Christenthum gleichwohl nach und nach mit Virgil und der clasfischen Literatur überhaupt befreundete. ״,Der Trieb nach Proselytenmacherei, der in seiner (des Christenthums) Natur nicht minder mächtig war, als bei den Römern der Trieb nach Eroberungen, bewog es, in die Nothwendigkeit und in unvermeidliche Transaktionen sich zu fügen. Die erste Concession, die es machen mußte, war sich selbst zu belehren, nach Bildung zu streben, die griechisch-römische Cultur sich anzueignen und, da diese zu lebenskräftig war, um sie vernichten zu können, zu suchen sie sich zu assimiliren, um deren weitere Wirkungen beeinflussen und modificiren zu können. So konnten die Christen (was sehr auffallen muß, wenn man an das Ideal Christi und der evangelischen Gemeinde denkt) Maler und Bildhauer, Dichter und Versemacher werden, und ein Organ ihres religiösen Bewußtseins dort suchen, wo es Christus weder selbst gesucht noch gestattet hätte, daß seine Jünger es suchten. Auf diese Weise fand der erste und wichtigste jener Tausende von Widersprüchen statt, welche kaum beschönigt werden können durch allerhand fromme Ausflüchte, die der Glaube eingibt, und mitten unter welchen das Christenthum fortgelebt hat bis zu unseren Tagen/" ״Ein sehr beliebtes Thema frommer Apologeten ist bei uns bekanntlich: ,Das Christenthum und die Frauen/ wobei gewöhnlich weit und breit auseinander gesetzt wird, wie das Weib erst durch das Christenthum befreit, und ihm die menschliche Würde vindicirt wurde. Bei Anlaß der Besprechung jener Sagen, die Virgil zum weiblichen Geschlecht in Beziehung bringen, kommt Comparetti auch auf dieses Thema zu sprechen, und er äußert sich darüber folgendermaßen (II, 103 u. f.): ,Diejenigen, welche behaupten, daß das Weib dem Christenthum und dem Ritterwesen viel verdanke, geben sich offenbar mit Wissen und Willen einer Selbsttäuschung hin zu Gunsten dieser historischen Momente und gegen die Autorität der Thatsachen. Das Ideal der Heiligen und das der Dame der Ritterromane sind Produkte utopistischer Ideen, die mit der socialen Ordnung schlechthin unvereinbar sind. Jedermann kann sich fragen, was aus der menschlichen Gesellschaft werden würde, wenn jedes Weib eine heilige Teresa oder eine Isolde