Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 3-4 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. 191 ״Aus dem vielen Neuen und Trefflichen, das erwähnt zu werden verdiente, mag hier nur eines noch besonders hervorgehoben werden, nämlich der durchaus unbefangene, freie wissenschaftliche Geist, welchen das Buch vom' Anfang bis zum Ende athmet. Bei einer umfassenden Monographie dieser Art, welche zugleich die Grundzüge einer allgemeinen Culturgeschichte des Mittelalters enthält, mußte unter anderem auch eine höchst wichtige Frage zur Sprache kommen, eine Frage, die es Wohl verdiente, auch unter uns wieder ausgenommen und eingehend untersucht zu werden, die Frage nämlich: wie sich das Christenthum zur Literatur und Cultur des classischen Alterthums, sowie zur weltlichen Literatur und Cultur überhaupt verhalte. Längst hat man sich daran gewohnt, das Christenthum als das rettende, erneuernde und neu belebende Element der Cultur zu betrachten, als den Sauerteig, um mich eines beliebten biblischen Ausdrucks zu bedienen, der die menschliche Gesellschaft vor der Fäulniß bewahrt habe. Dieser gewohnlichen Auffassung des Verhältnisses gegenüber beginnt man in Italien die entgegengesetzteste Ansicht geltend zu machen: daß nämlich die rein menschliche Cultur und Literatur keinen ärgeren Feind als das Christenthum je gehabt, und daß es als eine Inconsequenz, als ein Abfall von seiner ursprünglichen Idee anzusehen ist, wenn dieses letztere das Schöne aus der alten Cultur, Literatur und Kunst, sich aneignete. Am schärfsten und schneidendsten ist diese Ansicht von Settembrini in seinen ״Lezioni di 16tteratura italiana“ ausgesprochen worden, woselbst er zu dem Resultate kommt: ״Das Christenthum zerstörte die antike Civilisation, es verbreitete die Barbarei und entfaltete in derselben seine Macht. Die Cultur, die auf Erden war, wurde zerstört von jenem Princip, daß die irdischen Dinge keinen Werth haben, daß der Mensch auf Erden nichts anderes thun soll als weinen und für seine Seele sorgen." So paradox diese Ansicht auch scheinen mag, so möchte doch eine unbefangene Geschichtsbetrachtung deren wesentliche Richtigkeit kaum im Ernste bestreiten können." ״Unser Verfasser spricht sich zwar über diese Frage nicht so scharf wie Settembrini aus, allein aus Hunderten von Stellen ersieht man, daß die Auffassung im Grunde die nämliche ist. Nachdem er (I, 207 u. ff.) ausgeführt, wie es keine größeren Gegensätze geben könne, als die antike Poesie und Cultur einer- und das Christenthum andererseits, und wie jene durchaus keine Anziehungs-