Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 3 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Umschau. er denn dadurch wie durch noch manches Andere nach vielen Seiten hin Anstoß. Heß war ein denkender, vielseitig gebildeter Mann; was er unternahm, that er aus vollster innerer Ueberzeugung. Er fühlte den Zwiespalt zwischen dem erstarrten Herkommen und den Anforderungen eines geläuterten religiösen Bewußtseins und der geistigen Durchbildung; er war bereit, nach seinem Maße diesen Zwiespalt energisch aufzuheben. Er vollbrachte Dies nicht blos durch die That, sondern er wirkte auch literarisch dazu mit. Seine Zeitschrift, die er viele Jahre hindurch herausgab: der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts, brachte durchdachte eigene Arbeiten und öffnete kühnen selbstständigen Geistern eine geistige Ringbahn zum Kampfe für ihre Bestrebungen. Allein es fehlte ihm an dem Willen und an dem gelehrten Rüstzeuge zur Vertiefung in die geschichtlichen Denkmale namentlich des thalmudischen und mittelalterlichen Judenthums, und dennoch kann nur die Bewahrung einer wissenschaftlichen Kontinuität eine gesunde geistige Bewegung schaffen. Heß war ein Redner von Geschmack und Herzenswärme, dennoch besaß er nicht die volle Macht, namentlich nicht die erforderlichen äußeren Mittel, welche die G57׳mther gewinnen, die Geister mit sich fortreißen. So gelang es ihm denn nicht nach einem größeren Wirkungskreise zu kommen, wo er etwa mehr mit ihm harmonirende Elemente hätte finden und heilsameren Einfluß hätte gewinnen können. So war er mehr vereinsamt, und eine schöne Kraft zersplitterte sich in Einzelversuchen, ein liebewarmes Herz erschöpfte sich, ohne Anklang zu finden. Wer Heß kannte, mußte ihn wahrhaft achten, bei diesem schlichten anspruchslosen Menschen sich traulich fühlen, und er wird sein Andenken ehren. Eine ebenso religionswie bildungslose Rotte hat den Lebenden mit Wuthgebrüll verfolgt und den Heimgegangenen geschmäht. Seine Gemeinden jedoch haben, nachdem er, durch jahrelange Kränklichkeit geistig und körperlich gebrochen, im September v. I. von seiner irdischen Wirksamkeit geschieden, seinen Werth in aufrichtiger Trauer erkannt, und Adler in Cassel hat mit mildem anerkennenden Worte seinen letzten Erdengang begleitet. Die Heimgegangenen haben mit treuer Hingebung, mit wissenschaftlicher Tüchtigkeit und Biederkeit des Charakters zur Gewinnung reinerer Erkenntniß, zur Ermöglichung einer gesunden geistigen