Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 3 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau. 205 beliebte, Stillstand und Rückschritt zu dictiren. Sachsen-Weimar, dessen größte Gemeinde die ganz ländliche in Stadt-Lengsfeld war und ist, hatte schon, bevor Heß angestellt wurde, verordnet, die Juden müßten den öffentlichen Gottesdienst vollständig deutsch abhalten. Es lag eben in dem Wesen jenes wohlwollenden aufgeklärten Absolutismus, auch eine so zarte Frage, die noch jetzt etwa nach einem halben Jahrhunderte im Schoße der gebildetsten städtischen Gemeinden ihrer richtigen Lösung entgegenharrt, und auch in naturgemäßer Entwickelung allmälig entgegengeht, damals in diesem Kreise zwangsweise urplötzlich entscheiden zu wollen. Heß als junger gebildeter Mann durch sein Amt beauftragt, dieses Aufklärungs- Machtgebot auszuführen, kam von vorn herein in eine schiefe Stellung zu seinen Gemeinden und zu der still innerlichen Bewegung des Judenthums. Als Rabbiner sollte er im Zusammenhang bleiben mit allen Einsichtsvollen unter den Juden selbst, ihnen vorangehen, die innern bessern Triebe befruchten und so durch das Vertrauen zu seiner wohlmeinenden Absicht fördernd wirken; er galt aber als Beamter, der die Maßregeln des Staates Wider den Willen der Betreffenden in's Leben führen, der nicht Ueberzeugungen lenken, sondern Befehle auferlegen sollte. Hiermit war das Band des Vertrauens zwischen ihm und seinen Gemeinden gelockert, und auch die Fortgeschrittenen außerhalb derselben, welche der Maßregel selbst beistimmten, konnten das Verfahren nicht rechtfertigen. Durch seine Persönlichkeit wußte Heß allerdings das Mißverhältniß zu mildern. Denn Heß war ein durchaus reiner Charakter, ein biederer, milder, harmloser, treuherziger Mensch, und wie er die Härten des Gesetzes entgegenkommend abzuschwächen suchte und wußte, so trat er mit dem gesammten Entwickelungsgange auch allmälig mehr in den Mittelpunkt der Bewegung ein. Aber dennoch hatte er die volle Fühlung mit dem Stande der öffentlichen Meinung innerhalb der jüdischen Gemeinden verloren und gelangte nie recht in den vollen Zusammenhang mit ihr; er ging seinen eignen Weg, mit dem Verlangen, sie solle zu ihm herankommen, unbekümmert darum, ob sie genügend vorbereitet sei. In Weimar bestand z. B. auch das aufgeklärte Gesetz, daß Mischehen gestattet seien; aber es hängte sich doch die Clausel an, daß die Kinder aus einer solchen Ehe der christlichen Religion angehörten. Heß vollzog nun Trauungen zwischen Juden und Christen, auch andere unter Juden ohne Rücksicht auf die bis dahin geltenden jüdischen Bestimmungen. So gab