Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 3 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2420973-2421013-2421015--3087-2424186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
II. Erbsünde und Versöhnungstod. 167 zumal für Gott, die ganze Menschheit auf, er ist Gottes Sohn und bedeutet daher für denselben soviel wie alle Menschen Zusammen, seine Opferung ist daher für Gottes Zorn ein genügender Ersatz für alle Sünden der Menschen. Noch mehr! In Gott selbst ist ein Streit zwischen zwei ihn erfüllenden Eigenschaften. Die Gnade, das Erbarmen, will, daß das Unheil der Menschen getilgt werde; die strenge Gerechtigkeit, der Zorn, verlangt, daß die sündige Menschheit die volle Strafe treffe. Die Barmherzigkeit ging nun so weit, daß sie den eignen Sohn als stellvertretendes Opfer hingab, und dem Zorn war damit eine Genugthuung gewährt. Dies sind die speculativen Grundlagen, auf denen das Christenthum sich erbaut. Wir haben jetzt nicht die Absicht, dieselben einer Prüfung zu unterwerfen, Wohl aber festzustellen, wie sich das Judenthum zu diesen Annahmen verhält. Das Judenthum kennt die Geschichte von dem Ungehorsam, welchen Adam, der erste Mensch, sich zu Schulden kommen läßt; bevor er die Sünde beging, wird ihm der unmittelbare Tod als Strafe angedroht, falls er sie begehen werde, aber vollzogen wird diese Strafe nicht, vielmehr soll blos die Erde von nun an ihm nicht mühelos ihren Ertrag gewähren. Das ist der ganze Inhalt der Erzählung, wie er an der Spitze der Genesis steht; von einer, von nun an nicht zu bewältigenden Erbsünde, ja selbst von dem Tode, der nun erst als Strafe wegen der Sünde für die Menschen bestimmt worden sei, ist dort nicht im Entferntesten die Rede. Und das Judenthum machte aus dieser poetischen Erzählung nicht mehr als wofür sie sich selbst gab; es suchte in ihr und erschloß aus ihr keine Lösungen für bie Räthsel der menschlichen Natur. Es legte nach wie vor dem Menschen die Fähigkeit bei, das Gute aus freier Wahl zu ergreifen und zu üben, und legte ihm demgemäß dazu auch die Verpflichtung auf; es erkannte aber auch die in dem sinnlich angelegten Menschen vorhandene Neigung zur Sünde, behauptete jedoch, daß er sie in sich besiegen könne, verlangte dies von ihm und legte ihm auch die Fähigkeit bei, die begangene Sünde in sich wieder zu tilgen und sie durch eigne Buße gut zu machen. Somit war ein Versöhnungstod, das stellvertretende Opfer eines sich selbst darbringenden Erlösers ganz überflüssig, aber für die Auffassung des Judenthums auch unmöglich. Ein Opfer sühnt überhaupt nicht, es bietet nur den Anreiz zum eignen Sündenbekenntnisse, zur Reue und Buße, ein Mensch aber kann nimmer-