Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 139 (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Briefen. 139 renen Haare, meinem etwas kürzeren Rocke, meinen schwarzen Stiefeln allgemeinen Anstoß, man beklagte sich darüber beim Rebbe, ״all sein Gang ist elegantisch". Nun hatte ich zwar Gunst bei diesem gefunden, weil er mich gerne singen hörte; allein das durfte er nicht bekennen, doch nahm er mich in Schutz, indem er sagte: auch der fromme Joseph hat als junger Mensch in Eitelkeit sein Haar gekräuselt. — Von dort giengen Kaufleute mehrere Male im Jahre wegen ihrer Geschäfte nach Breslau; da hörte ich denn von ihnen häufig den Namen ״Geiger", über die ״Geiger-Schule^ sprechen und gar merkwürdige Dinge darüber erzählen. Sollte wirklich, sprach ich bei mir, dieser Mann ein Uebertreter der Thorah sein? Am Ende — so dachte ich, denn ich hatte diese Sippschaft und ihr Urtheil über Alle, die nicht mit ihnen in gleichem Maße Brandwein zu trinken wissen, kennen gelernt — trägt er einen kurzen Rock und anständige Beinkleider. Das genügt ja, um in den Augen dieser Verstandeslosen zum Ketzer zu werden. Auch dort nicht befriedigt, gelangte ich nach einem kleinen Orte, der nahe an der preußischen Grenze; da war die Gemeinde klein, auch in ihr waren chaßidische Elemente, aber sie waren die Minderzahl, die überwiegende Mehrzahl bestand aus gebildeten Leuten, von denen manche recht kenntnißreich. Bei einem derselben traf ich nun zufällig den von Blumenfeld herausgegebenen ״Ozar nechmad". Wie staunte ich, als ich darin las! Wie mischte sich bei mir Schmerz mit Freude beim Anblicke der darin befindlichen Arbeiten Geiger's! Ist das, sprach ich, der Abraham Geiger, den die Geistesblinden, die Lippenfrömmler schmähen? Gott gebe, seines Gleichen seien viele in Israel! Da ich nun 20 Jahre alt geworden war, fühlte ich, daß in Polen meines Bleibens nicht sein könne; Hatteich ja die Zeitgrenze von 18 Jahren überschritten und war noch unbeweibt, da blickte Alles mit geringschätzigem Argwohne auf mich. Um nur einen Nahrungszweig zu haben, lernte ich ״Schächten", aber auch damit konnte ich in Polen selbst mich nicht erhalten. Um die Erlaubniß zur Ausübung (n^2p) zu erhalten, um Vertrauen bei einer Gemeinde zu erlangen, mußte man eben ein ״Chaßid" sein oder sich als einen solchen gebehrden; die Rabbinen huldigten entweder in Wahrheit oder heuchlerisch dem Chaßidismus, dasselbe thaten die Schochtim, sie mußten es thun. Ich ertrug diese Heuchelei nicht,