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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1871-01-01 · 2 (1871) · p. Seite 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
9 (1871)
Issue
2 (1871)
Date
1871-01-01
Page
Seite 138 (sequence 58)
Language
German
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IRI
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138 Aus Briefen. nur stotternd brachte er die Worte hervor; als ich mein Befremden darüber äußerte, daß er, der sonst ganz deutlich sprach, nun ganz unverständlich rede, da erwiderte man mir: Du Thor! Er empfängt jetzt die Thorah von dem darüber gesetzten Fürsten, und da er sie mittheilen will, verschließt ihm Satan den Mund. Ich, ein zwölfjähriger Knabe, glaubte staunend alle diese Albernheiten. Nun aber verschlimmerten sich die Verhältnisse meiner Eltern, bald drohte mir auch das traurige Geschick, zum Militär ausgehoben zu werden, und so floh ich mit geringer Baarschaft nach einem kleinen polnischen Orte. Auch dort waren zwei ״Heilige", welche gläubig von der ganzen Menge verehrt wurden, doch befand sich ein ungläubiger ״Epikuräer" daselbst. Dort wurde ich nun Sänger nach polnischer Art beim Vorbeter, zugleich aber gefiel ich jenem ״Ungläubigen", der, auch ein geborener Russe, Schüler des bekannten Isaak Beer Lewinsohn war, so daß er mir, zusammen mit seinem einzigen Sohne, eine kleine Kammer in seinem Hause einräumte. Da begann es in mir zu tagen, ich fand bei ihm die Schriften der Gelehrten Wilna's, Rußlands, Oesterreichs und Preußens, darunter auch Mendelssohns Pentateuch und Wesselh's Schriften. Wie erstaunte ich da! Ist das, fragte ich mich, der Moscheh ״Odesser" — so hatten die Unwissenden Dessau mit Odessa verwechselt —, der so verrufen ist beim Volke? Ich erinnerte mich, daß, wenn mein Vater es mit etwas leichter nahm, mein Groß- Vater alsbald in den Weheruf ausbrach: Moscheh Odesser! Andere nannten ihn gar: Moscheh Fresser! — Wenn ich jedoch in das Beth Ha-Midrasch kam, da fragte man mich höhnend: ״Nun hast Du heute in den Schriften des ,,Hundesohnes" (בך כלב) studirt?" Sie meinten damit Bensew (Wolfsohn, בך זאב). Ich aber schwieg, um die auch sonst mich umlauernde Gefahr nicht wider mich heraufzubeschwören. Ich war nun 18 Jahre alt geworden und merkte Wohl, daß ich hier keine bleibende Ruhestätte finden konnte, so wanderte ich denn weiter und kam in die Nähe Krakau's. Auch dort fehlte es nicht an einem Alles beherrschenden ״Heiligen", und der Glaube an ihn war ebenso kraß wie irgendwo; natürlich trugen sich nun Alle, auch die unwissendsten Handwerker, mit dem ״Strümel" auf dem Kopfe, mit Gürtel, Schuh und Socken, kurz mit dem ganzen heiligen Zubehör. So erregte ich mit meinem auch an den Ecken gescho-

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