Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Briefen. 137 an. Jedes alte nichtjüdische Weib gilt für eine Hexe, der Glaube an schadenbringende, neckische Dämonen ist ein unbestreitbares Axiom, die Todten gehn jede Nacht um, baden zuerst in der Mikwah, dann besuchen sie das Gotteshaus, beten daselbst und lesen aus der Thorah. Da traf sich's einst — so erzählte man mir — daß ein Mann, um Mitternacht vor der Synagoge vorübergehend, ,seinen eignen Namen zur Thorah rufen hörte. Erschrocken eilte er zum Rabbi, weckte ihn aus dem Schlafe und erzählte ihm das Begegniß. Der Rabbi rieth ihm, daß er nur unbesorgt in die Synagoge hineingehen möge, jedoch rücklings nach der Bimah hinschreite, auf welcher die Thorah verlesen wird, und die üblichen Benedietionen spreche. So that er nun, er sprach die erste Benediction und hielt inne; da hörte er denn die Stimme eines Vorlesenden, aber er sah Niemanden, dann sprach er die Schlußbenediction und gieng von dannen. In all diesem Wahn- und Aberglauben war auch ich versunken; wie konnte ich anders? Hatte ich ja so von allen meinen Genossen, von meinen Eltern, zumal von meiner seligen Mutter, dies Alles betheuern gehört. Ich wußte nicht anders, als daß der Rabbi jede Nacht geeint mit der göttlichen Herrlichkeit wandle und daß ihm die volle Gewalt über die Welt verliehen sei. — Nicht weit von unserm Orte wohnte ein solcher Rabbi, der zwei Male jährlich uns auf unsere dringende Aufforderung besuchte. Der Tag, an welchem der Rabbi kam, war ein öffentlicher Festtag, Alles eilte ihm Meilenweit entgegen, jubelnd ward er eingeführt, nun gab es ein unentwirrbares Gedränge vor der Thüre, um den Heiligen zu begrüßen, durch seinen Händedruck beseligt zu werden. Er pflegte den Sabbath zu verweilen, da gieng er des Morgens in die Synagoge und betete selbst vor, was bis 2 Uhr Nachmittags dauerte. Zur s. g. dritten Mahlzeit des Abends versammelten sich dann fast alle Einwohner bei ihm, um ״Thorah" von ihm zu hören; er aber beehrte Einzelne damit, die Semiroth vorzutragen, bis endlich die Nacht herankam. Nun gerieth er in convulsivische Zuckungen, unter den heftigsten Bewegungen schrie er: Zur Ehre der Königin Sabbath (לכבוד עגבת בללכתא) mehrere Male. So brachte er einige Zeit unter dichter Finsterniß in den krampfhaftesten Verrenkungen des ganzen Körpers zu, bald aufschreiend bald tief stöhnend. Auf meine Anfrage, was das bedeute, antwortete man mir, der Rabbi ringe jetzt mit dem Satan! Später begann er ״Thorah" zu sagen, aber