Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 I. Die Zersetzung. befinden wir uns allerdings noch. Denn nicht kann eine Zeit sich rühmen, über dieselbe bereits hinausgeschritten zu sein, wenn sie auf eine großartige Revolution Militärdictatur und Restauration in wiederholtem buntem Wechsel folgen, wenn sie in und nach den Freiheitskriegen Neaction und eine phantastische Romantik erstehn läßt, welche so kindlich naiv ist, mit Stolz von sich auszusagen, daß sie keinen Beruf habe zu Neubildungen in Staat und Gesetzgebung, wenn sie endlich in der ätzenden Zerstörung blutiger Kriege ihre Großthaten feiert. Wir leben in der Zeit der Zersetzung. Sie hat mit dem dreizehnten Jahrhunderte begonnen. Die erstarrte Kirche, krampfhaft und entblößt des belebenden Geistes an ihren Satzungen festhaltend und die Fessel immer enger schmiedend, ist in Auflösung begriffen; der Protestantismus hat sein Verdienst in seinem Beitrage zum gewaltsamen Brechen der eisernen Bande, welche die Geister zusammenschnürten, ohne daß er selbst die Macht besäße, den neuen befreienden Gedanken zu verkünden. Der Islam, nüchtern und starr geworden, hat eine Zeit lang an der rohen Kraft des wilden Osmanenvolkes sich äußerlich erhalten und bricht nun kläglich zusammen, ohne daß neue geistige Lebenselemente in ihm sichtbar würden. Das mittelalterliche Judenthum, zum todten Codex geworden, durch den Druck von außen in winterlicher Erstarrung erhalten und zum Zusammenhänge aller seiner Glieder gezwungen, ist seit einem Jahrhundert mit in den allgemeinen Auflösungsproceß eingegangen, und allen Neubelebungsversuchen setzt sich noch die Härte des unfruchtbaren Bodens wie der aufgewühlte Schlamm entgegen. Die Kritik ist unsere starke Seite, weit weniger die lebenskräftige Neugestaltung. Und dennoch verkündet die Zersetzung die Neugeburt, in der Auflösung des Alten liegt die Erstarkung des Neuen, und wer diesem redlich dient und es vorbereitet, unbeirrt durch alle Unbeholfenheit und Zaghaftigkeit, durch allen Unverstand und Ueberverstand, die ihn umgeben, der arbeitet mit an dem göttlichen Schöpfungs- Werke: כעעוה טגותף לבלעטודג בראטוית. 6. Dec.