Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Die Zersetzung. 83 Gang, Muth gewinnen in der Erkenntniß des weise waltenden Gesetzes und froh seinen Beitrag der Entwickelung darbringen. — Die schaffende Kraft der mittelalterlichen Idee hat bereits mit dem Beginne des dreizehnten Jahrhunderts sich innerlich ausgelebt; alle Früchte, die sie zu erzeugen vermochte, waren voll gezeitigt. Die christliche Kirche und der Islam haben bis dahin als geisterfüllte Mächte auf die Menschheit umgestaltend gewirkt, und das mittelalterliche Judenthum hat, — abgesehen davon, daß überhaupt die beiden herrschenden Religionen in ihm ihre Wurzel halten, — reichlich seinen Beitrag zur geistigen Entwickelung geliefert. Nun erlahmte der bis dahin so schöpferische Geist; die Arbeit war vollendet, die Menschheit bewegte sich in den vorgezeichneten Bahnen, Denken und Thun war bis ins Einzelnste hinein vorgeschrieben, ohne daß es frei aus dem Innern sich mehr zu bestimmen vermochte. Die nachwachsenden Schößlinge waren saftlos und mißgestaltet, und was der Eifer der Erhaltung zu schaffen versuchte, war nur ein Werk der Fäulniß bringenden Uebertreibung, das zur eigenen Vernichtung hinführte. Es war eine harte Erstarrung, die sich über die Menschheit lagerte; die Geistesfesseln waren so eng und fest, daß ein Lösen derselben undenkbar war. Freilich im Innern erzeugten sich still neue Kräfte. Die Volksindividualüäten, denen die mittelalterlichen Religionen ihre Urwald-Naturen genommen, deren wilden Boden sie ausgerottet, ihn zu fruchtbarem Lande umschaffend, fingen an, ihrer verschiedengestaltigen geistigen Eigenart inne zu werden, und die Versuche begannen dieselbe zur Geltung zu bringen. Die umspannende geistig-religiöse Richtung, welche in der Kirche wie im Islam wie im Judenthum allen Völkern blos eine und dieselbe Anschauung, eine und dieselbe geistige Lebensäußerung, daher auch nothwendig nur eine Literatursprache vorschrieb, mußte allmälig dem inneren Gesetze individueller Volksselbhständigkeit Raum vergönnen, und in dem unmittelbarsten Ausdrucke des Geistes, in der Sprache, trat zuerst der neu erwachte Geist hervor; Volkssprachen entstanden, die auch im geistigen Berkehre allmälig zum treuesten Ausdrucke der inneren Bewegungen sich heranarbeiteten. Weit schwerer jedoch war noch der Uebergang in die thatsächlichen bürgerlichen, religiösen und gesammten Culturzustände. Die Starrheit widerstand lange, und was dann ihr endlich folgte — und folgt, ist die Zersetzung. In dieser Periode der Zersetzung