Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 2 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 I. Die Zersetzung. längeren Zeitraum, sind sie weniger an feste Abschnitte gebunden, ist die Zusammenfassung der einzelnen, oft scheinbar einander widersprechenden Erscheinungen weit schwieriger und wird daher der übersichtliche Einblick in den regelmäßigen Gang nicht selten getrübt. Aber das Gesetz steht dennoch fest. Eine Gedankenrichtung entwickelt ihre Ideen lange Jahrhunderte hindurch, bis sie ihre Anforderungen und Ergebnisse zur vollkommenen Verwirklichung gebracht, sich in alle thatsächlichen Zustände desjenigen Theiles der Menschheit, welcher au der gemeinsamen Bildungsarbeit sich betheiligt, mit vollkommener Herrschaft eingelebt hat. So sind ihre Früchte zum geistigen Nahrungssafte für das gesammte Culturleben geworden, aber die treibende Kraft dieser Ideen, welche nun an sich und in ihren zuständlichen Bildungen zum Gemeingute geworden, hat sich dann auch erschöpft, sie kann nicht mehr Neues schaffen, und will sie sich dennoch weiter erhalten, so kann sie nur das bereits Gereifte zur Fäulniß bringen, und nur Saftloses erzeugen. Unterdeß erstarrt der Geistesboden, es bleibt ein langes Zehren an den gewonnenen Geistesresultaten, die der Frische ermangeln und in harter Unverdaulichkeit die Thatkraft beherrschen und lähmen. Allein im Innern geht doch bald still und leise, bald mit mächtiger Gährung eine neue Geistesbewegung vor sich. Verjüngte Kräfte, neue schöpferische Ideen sammeln sich und gewinnen an innerer Macht, um zu gelegener Zeit hervor- und die Starrheit zu durchbrechen. Das ist eine lange trübe Periode. Endlich erscheinen auch die milderen Lüfte, welche die Starrheit lösen, allein noch folgt erst wieder in langem Zeiträume zuerst die Zersetzung und Auflösung der verfestigten altüberkommenen Ideen und Zustände. Noch ist ein Sieg der neuen Ideen nicht erreicht, noch ihr Einzug in die wirklichen Verhältnisse nicht durchführbar. Aber gerade diese Zersetzung ist ein Heilverkündender Frühlingsbote, sie ist der Vorläufer einer neuen, von frischen Ideen getragenen Gestaltung, sie ruft prophetisch wiederum das schöpferische ״Werde!" in die verjüngte Welt. Das sind lange, mächtige Zeiträume, innerhalb deren sich diese Wandelungen vollziehen mit den mannichfachsten Versuchen nach vor- und nach rückwärts. Da wird der kurzlebige Mensch oft verstimmt über die trübe Gährungszeit, in die seine Lebensspanne gefallen, da wird selbst der Blick, welcher die Gesammtentwickelung zu überschauen unternimmt, auch nicht selten irre. Und dennoch wird der Unbefangene bescheiden sich fügen in den großartigen