Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2421010-2421011--3313-2424001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 VI. Die hebräische Sprache. Begrüßens: ״Sei froh" oder ״freue Dich", aber knechtische Grüße treten an deren Stelle und man erniedrigte sich zu Götzen, als das harmonisch angelegte Wesen der Hellenen zerriß, als die Sophistik sich breit machte. Auch in Rom griff mit der Herrschaft der Cäsaren das orientalische Unwesen um sich und machte den freundlichen Gruß: salve, vale zu nichtssagender kriechender Lüge. Aber dem auserwählten Volke der Israeliten war inmitten des Orients die geistige Vertiefung des Grußes Vorbehalten, auf den einzigen, höchsten, unsichtbaren Gott, auf den Urquell alles Seins bezogen sie alle Verhältnisse; der Imperativ des Grußes war hier umgewandelt in den Segenswunsch: Friede sei mit Dir und Deinem Hause! Die hellenische Freude und die römische Kraft waren hier zurückgeführt auf das geistige Band, das den Menschen mit der Gottheit verknüpft." Aehnliche Betrachtungen sind es, auf die ich in einer Vorlesung zur ״allgemeinen Einleitung in die Wissenschaft des Judenthums" im Sommersemester 1872 gelangt bin. Ich hatte als ersten Theil den sprachwissenschaftlichen in's Auge gefaßt und auf die Erkenntniß des im Judenthume herrschenden Geistes aus der Sprache gedrungen. Ich darf hier nicht auf den ganzen entwickelten Gedankengang eingehn, behalte mir vielmehr vor, diese ״Einleitung" auszuarbeiten und sie in vollem Zusammenhänge der Oeffentlichkeit zu übergeben. Doch mag ich es nicht unterlassen, schon jetzt einen Punkt daraus der Betrachtung vorzusühren. Wie im Gruße, nach Curtius, der Hebräer aus dem Rahmen des knechtisch sich niederwerfenden Orients heraustritt, in edler Menschenwürde und gewinnender Einfachheit sich dem Nebenmenschen zuwendet, so zeigt sich die Beziehung zum Nebenmen scheu über- Haupt als die gegenseitiger liebender Anerkennung, indem der Hebräer dafür nur den Ausdruck ach, Bruder, re’a, Genosse und Freund, kennt. Ganz besonders aber prägt sich die Ebenbürtigkeit, welche dem Weibe Zuerkannt wird, die Zartheit der Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht, dessen Schwäche nicht mißbraucht wird, dessen man sich vielmehr um seiner Schwäche willen um so vorsorglicher annimmt, in der hebräischen Sprache aus, und tritt die jüdische Würdigung des Weibes in vollen Gegensatz zu der Herrschenden Anschauung des Orients. Die hebräische Sprache ist, und zwar nicht blos unter den morgenländischen, die einzige, welche für Mann und Weib dasselbe, nur geschlechtlich abgewandelte Wort