Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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VI. Die hebräische Sprache. 65 eine mattere Bedeutung hatte, der Grundton des Wortes mit angeklungen haben, der durchaus auf eine thätige, aus Wohlgefallen erzeugte Liebe hinausging. War er doch so stark darin enthalten, daß das Wort gelegentlich geradezu als ״lieben" und ״liebkosen" gebraucht wird (Hiob 19, 17). Diese letztere Eigenschaft sichert dem Wort seinen Platz in der Begriffsreihe, die wir behandeln, und seinen Werth in der Psychologie des Volkes, das es geschaffen." Daran schließt sich nun als ״Ergebniß" (S. 36): ״Die starke Seite der Ebräischen Sprache in der vorliegenden Gedankenreihe ist die Liebe Gottes zum Menschen, die Liebe des Menschen zu Gott, und die allgemeine Liebe der Menschen unter einander. Der letztere Begriff wird vorwiegend als thätige, helfende Liebe genommen, und so mannigfaltig nüancirt, daß drei Worte zu seiner Vertretung Vonnöthen sind. Die Huld des Höheren, die aus gütigem Charakter kommt, und sich auch äußert, um den Glücklichen noch glücklicher zu machen; die Gunst, die durch Wohlgefallen erworben wird; und die Barmherzigkeit, die dem Leidenden Weichen und willigen Herzens naht — jedes hat seinen besondern Ausdruck (Chesed, Chen, Kacham). Man sieht, es ist ein religiöses Volk von erregbarem, expansivem Temperament gewesen, das seine Liebe nach diesen Kriterien vertheilt hat". So wird das tiefste Gemüthsleben des Juden aus dem reinen Sprachquelle erschlossen, in dem warm und lebensvoll die Gesinnungen sprudeln und als sanftkräuselnde Wortwellen sich uns ans Herz legen. — Nach einer andern Richtung hin hat Curtius in einem geistvollen Vortrage, einem Festgruße zum Geburtstage des Kaisers, in der Art des Grußes bei den alten Völkern die Seeleninnigkeit der Israeliten erkannt und dargelegt. Wir können hier nur den knappen Bericht einer hiesigen Zeitung benützen; aber in diesem dürftigen Auszuge ist Tendenz und Auffassung dennoch genügend sichtbar. ״Der Redner gab — so faßt der Berichterstatter es kurz zusammen — eine geschichtliche Darstellung der Bedeutung des Grußes, welcher nach Nationalität, Sitte und Religion unendlich verschieden gewesen sei, der aber immer das Zeitalter und den Bildungsgrad eines Volkes erkennen lasse. Dem überschwänglich unterthänigen Orientalen gegenüber hatte der freie Hellene eine maßvolle Art des Vierteljahresschrist XI. 1. 2. 5