Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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46 IV. Der Islam. einer mächtigen Schöpferkraft ist, die bis zu einem gewissen Grade rasch und weit sich entfaltet, aber auch dann ihre Gränze erreicht 8 hat, stillesteht und ermattet. Unter den damaligen Zeitverhältnissen, 1 in welchen alle überkommenen Geistesmächte erlahmt, römisch- 1 griechische Bildung, jüdische Geistesbewegung, christliche Jugend- {J frische wie aufgezehrt waren, konnte, ja mußte auf dem jungfräu- I lichen Boden eines so gearteten, noch nicht erschöpften Volkes sich § ein überwältigendes geistiges Leben entfalten, das, ohne Neues zu | schaffen, die gesunden Elemente aus den vorangegangenen, nun J versumpften geistigen Strömungen in sich aufnahm, wieder in r lebendigen Fluß brachte und so den mächtigen Geistesweckruf ern schallen lassen konnte. Man überschätzt damit die Bedeutung, den ׳ selbstständigen Gehalt des Islam nicht. Man verkennt es nicht, daß sein Gedankeninhalt dürr und dürftig ist, daß er der sittlichen Tiefe und Innigkeit ermangelt. Man ist zur Einsicht gelangt, | daß Mohammed lediglich der Schüler seiner Umgebung war, daß er ] aus dem Christenthum und Judenthum, soweit sie ihm aus münd- ■:j lichen Mittheilungen einiger diesen Religionsverbänden ungehörigen Genossen bekannt geworden, entlehnt, daß er namentlich mit des | letzteren Lehren, Erzählungen und Sagen, Sprüchen und Lebensj regeln sich erfüllt hat und so, indem er dieselben, nicht selten mit -i| Mißverständniß und abenteuerlich, verband und darstellte, ein ן prunkendes Heiligthum errichtete, in das er einzutreten einlud. Er י hat Wohl seinem Volke, aber nicht der Menschheit irgend eine! neue Richtung gegeben im Denken und Empfinden; aber sein Ver- ן dienst bleibt es doch, daß er die gesunden Triebe seines Volkes in 1 sich zu vollerem Bewußtsein brachte und so gewaltiger Lehrer! seines Volkes wurde, daß er die in der Menschheit früher erweck-? ten, nun entschlummerten edleren Erkenntnisse und Gefühle in einem •f gewissen Grade neu wachzurufen verstand. Wenn der jüngst ver- ■j storbene Orientalist Markus Joseph Müller, wie an seinem Grabe A von einem Redner mitgetheilt worden, auf die Frage: Wer ist re- 1 ligiös? wirklich die Antwort ertherlt hat, der sei der Religiöseste, | 5,wer seinen Geist am Hellenismus veredelt, sein Herz am Christen- I thum läutert, seinen Charakter am Islam stärkt", so «j dürfte er, selbst abgesehen von andern Einseitigkeiten, schon um ä der Stellung willen, welche dem Islam eingeräumt wird, wenig % Zustimmung finden. Aber Wohl wird zugestanden werden, daß | diesem vollere Beachtung gebühre, als ihm ehedem gegönnt worden.!