Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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20 III. Wirksamkeit an der Hochschule schichte Her grammatischen und exegetischen Behandlung der Bibel bietet zugleich ein volles Spiegelbild für die Geschichte des Judenthums. Zuerst herrscht ein durch Ueberlieferung sich sortleitendes Verständniß der Sprache, das ohne wissenschaftliches Bewußtsein ist, sich hingegen mit dem Verlangen paart, Wort und Satz den gegenwärtigen Vorstellungen und Feststellungen anzupassen und danach zu deuten. Erst mit der arabischen Zeit beginnt eine wissenschaftliche Erkenntniß der Sprache, und gelangen Wissenschaftliche Grundsätze für die Erklärung Zur Anerkennung, welche nur hie und da durch philosophische Voraussetzungen getrübt werden. Mit ihr fast gleichzeitig und ebenbürtig tritt in Nord fr an!'reich die Grammatik und Exegese des gesunden Menschenverstandes auf, die weniger reich an wissenschaftlichen Mitteln, durch eine nüchterne Naivetät zu klarer Erfassung und zu tiefem Einblicke gelangt. Provenzalische Gelehrsamkeit nimmt die Ergebnisse aus den Vorarbeiten dieser beiden Schulen auf, vereinigt sie zu populärem Verständnisse und weiter Verbreitung. Nach einem tiefen Verfalle während einiger Jahrhunderte tritt Maßorah, Grammatik und Kritik in fast unbewußter Aeußerung im Zeitalter des Humanismus wieder neu hervor. Die Sprachwissenschaft breitet sich über die christlichen Kreise, schwillt dort mächtig an und vertieft sich; erst in neuester Zeit beginnt das Judenthum wieder an dem wissenschaftlichen Verkehre regeren und hoffentlich auch selbstständig för dernden Antheil zu nehmen. — — b. Die That des Judenthums ist seine Geschichte. Sie enthüllt nicht mit einem Male, nicht von vorn herein die ganze in ihm ruhende Fülle, sie entfaltet sie vielmehr erst allmälig in der Folge der Zeiten. In der Zusammenfassung dieser einzeln hervortretenden Aeußerungen wird erst die treibende Kraft nach ihrer ganzen schöpferischen Anlage erkannt. Im Ringen, in der Entwickelung, im Kampfe und Siege oder in der Ermattung und Niederlage bekündet sich die Kraft oder die Ohnmacht des Geistes. Als Theil einer Wissenschaft des Judenthums ist diese Geschichte nur eine Geschichte der Geistesthaten; die äußere Volksgeschichte wie die spätere der Volkstrümmer und ihrer Erfahrungen ist von außerhalb liegenden Factoren abhängig, die Geschichte der Juden zumal, selbst zur Zeit der Selbstständigkeit des jüdischen Volkesbeweist wenig staatbildende Anlage nach Innen und war von sehr geringem Einflüsse auf die Entwickelung der allgemeinen Staatenverhältnisse.