Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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12 II. Entstehung des Christenthums. lebens, und auf ihn folgte die volle Zertrümmerung der staatlich jüdischen Existenz. Durch diesen Zusammensturz mußte bei Vielen eine große Unsicherheit in den bis jetzt mit aller Innigkeit festgehaltenen Ueberzeugungen eintreten, sie mußten für die Verkündung einer neuen Lebensanschauung, einer neuen Weltordnung empfanglich werden. Die Zerstörung Jerusalems ist ein Ereigniß, dessen Bedeutung für die Entstehung des Christenthums, d. h. für die Möglichkeit, daß aus einer anfänglich unscheinbaren Bewegung innerhalb eines kleinen jüdischen Kreises eine umgestaltende Macht in der geistigen Welt geworden ist, noch nicht genug in Anschlag, von der Kritik noch nicht genug zum Bewußtsein gebracht worden. Wohl hielt die Mehrzahl damals mit Zähigkeit daran fest, daß der ganze staatliche und der darauf gegründete religiöse Bau nur für kurze Zeit abgetragen sei, sich bald wieder aus seinem Schutte erheben werde; aber nicht Wenige wurden auch durch die Donnerschläge des Geschickes mächtig erschüttert, sie waren in dem Vertrauen auf die Wiederherstellung des Zertrümmerten wankend, der Befriedigung, welche sie in dem auf Staat und Volk gegründeten religiösen Leben gefunden hatten, nunmehr verlustig geworden, und ein Gemüthszustand mußte eintreten, der zu neue Anschauungen über den Weltlauf veranlaßte, der sie Kreisen, welche bereits vom Bisherigen abweichend, sich neue Auffassungen gebildet hatten, zuführte. War die Zerstörung Jerusalems und der Zusammenbruch aller an den jüdischen Staat sich knüpfenden Hoffnungen die Veranlassung, daß das junge Christenthum viele neue Anhänger gewann, so brachten diese die ganze verzweifelte Stimmung, den vollen Widerwillen gegen die bestehende Ordnung der Dinge, gegen das heidnische Staatsleben mit in dasselbe hinein; die volle Verwerfung des gegenwärtigen Weltenlaufes, der in einer neuen Zeit vernichtet und durch einen andern geläuterten ersetzt werden müsse, war das Angebinde, das sie der neuen Religion zuführten. Das ist ein nicht zu übersehendes Moment. Doch mit dieser allgemeinen Erkenntniß der Thatsache und ihrer notwendigen Einwirkung ist es noch nicht abgethan. Man muß auf die Gesinnungen lauschen in den verschiedenen Bevölkerungsschichten, in den damaligen jüdisch-religiösen Parteien, aus welchen die neuen Zuflüsse sich ansammelten; man muß erkennen, aus welcher bisher herrschenden Richtung die einzelnen Bestandtheile hervorgegangen, welche Um-