Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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10 II. Entstehung des Lhristenthums. Die christliche Gelehrsamkeit empfand das Ungenügende in der Auffassung der die damalige Zeit beherrschenden Anschauungen Anfangs sogut wie gar nicht und ist auch jetzt noch weit davon entfernt, diesen Mangel vollkommen zu erkennen, sie ist daher ebensowenig bemüht, ihm in rechter Weise abzuhelfen. Wohl aber fühlte sie bald, wie wenig es ausreiche, diese ganze Geschichte als reine unwillkürliche Dichtung, als das Werk mythenbildender Phantasie begreifen zu wollen, und sie suchte daher immer mehr nach einem historischen Hintergrund, an den sich die ungeschichtliche Zuthat naturgemäß anlehnte. Es ist das große Verdienst Baurs und der ihm anhangenden ״Tübinger Schule" denselben zum großen Theile aufgefunden zu haben, zur Erkenntniß zu bringen, wie sich aus späteren Ereignissen die Sagen über die vorangegangene Zeit gebildet haben. Der große Unterschied zwischen Mythus und Sage besteht nämlich darin, daß jener frei aus dem Geiste herausgebildet wird, einen vorhandenen Gedanken verkörpert, mit einem geschichtlichen Leibe bekleidet, ohne daß irgend eine Thatsache dazu veranlaßt; die Sage hingegen erhält ihren Antrieb aus Ereignissen, für welche ein Erklärungsgrund in früheren Vorgängen gesucht wird, so daß diese, ohne wirklich sich zugetragen zu haben, vorausgesetzt werden, also mit Absicht und doch unbewußt als Thatsachen hingestellt werden. Sobald nun diese als unhistorisch nachgewiesen sind, müssen, nach dem Gesetze der Sagenbildung, die späteren Ereignisse und Entwickelungen aufgesucht werden, welche den zwingenden Antrieb zu deren Aufstellung gegeben haben. In dem Kampfe nun, welcher sich nicht lange nach dem Auftreten und Tode Jesu zwischen den Verkündern und Anhängern eines Judenchristenthums auf der einen und denen eines Heidenchristenthums auf der andern Seite erhob, ltnb in der allmälig vollzogenen Ausgleichung dieses Kampfes fand Baur mit seiner Schule vorzugsweise die Erklärung für alle einzelnen Thatsachen, die man auf Jesus selbst und die unmittelbar folgende Zeit zurückführte, und an den Berichten selbst wird nachgewiesen, wie an ihnen bald noch die Verschiedenheit in der Auffassung der Lehre und der Aufgabe des Christenthums haftet, bald Wohl absichtlich eine Jneinanderschiebung und Jdentificirung der auseinandergehenden Standpunkte versucht wird. Was hier mit tiefem Einblicke in den Entwicklungsgang der ersten christlichen, der apostolischen Zeit, mit sorgsamster Forschung