Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Entstehung des Christenthums 9 und drüber geführt werden, ist eben die Anbahnung zur Lösung der Frage über die Entstehung des Christenthums im Allgemeinen, namentlich wie die Darstellung dieser Entstehung, welche uns in den christlichen Begründungsschriften, in den Büchern des sogenannten ״Neuen Testaments" vorgeführt wird, sich gebildet hat. Mit dem epochemachenden Werke von Strauß über ״das Leben Jesu" war in eingehendster Weise das Werk der Kritik nahezu vollendet. Der ganze geschichtliche Bau mit seinem Gerüste lag in Trümmern umher, alle Erzählungen erwiesen sich als unhaltbar, der innere Widerspruch der Berichte wurde blosgelegt und damit bekundet, daß nimmer geschehen sei was sie angeben. Aber wieso sind sie entstanden? wie konnten sie sich bilden, Glauben gewinnen und solange als unbestreitbare Thatsachen gelten? Was Strauß seiner negativen Kritik als positive Seite 'hinzufügte, war ungenügend. Der leitende Gedanke zwar war ein richtiger. Aus den herrschenden Zeitanschauungen heraus mußten sich die Berichte über Thatsachen, die in Wirklichkeit sich nicht zugetragen haben, erklären. Allein die Anwendung und Ausführung dieses Gedankens blieb nach zwei Seiten hin mangelhaft. Der erste Mangel bestand darin, daß die Zeitanschauungen selbst nicht in ihrer vollen Klarheit erkannt wurden. Strauß prüfte nicht selbstständig die Quellen, aus denen die damals herrschenden Ansichten zu entwickeln sind, er nahm die darüber geläustge höchst einseitige, bald parteiisch gefärbte, bald nach späteren Anschauungen umgebildete Auffassung als die ursprüngliche an. Aus den geltenden Ansichten heraus nun, wie er sie nach incorrecten Darstellungen einfach aufzunehmen sich berechtigt glaubte, sollte — und das ist die zweite ungerechtfertige Annahme — der dichtende Trieb im Volke Persönlichkeit und Ereignisse geschaffen haben, die ganze evangelische Geschichte also das Product einer Mythenbildung sein. Wieviel für die Person Jesu selbst übrig bleibe, — blieb unsicher, dahingestellt, aber es sollte auch unnöthig sein, daß ein geschichtlicher Rest bleibe, da sie ja blos damalige Gedanken, Sehnsucht und Hoffnung verkörperte. Für die einzelnen evangelischeu Erzählungen ward ein jeder geschichtliche Hintergrund in Abrede gestellt, sie waren eben blos Erzeugnisse der dichtenden Phantasie, welche von Zeitempfindungen angeregt und befruchtet worden.