Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2420973-2421010-2421011--3252-2423940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Streit um die Herrschaft. 5 Waffenführung, das Aufgebot der Massen zur Entscheidung der Machtfrage. Es ist in der That eine unerfreuliche Erscheinung, daß eine so tiefgehende und weitverbreitete Bewegung wie die gegenwärtige, die auf dem religiösen Gebiete vor sich geht, so rein äußerlich ist, fast nur von der Politik und der Jurisprudenz, nicht von der Religion behandelt wird. Eine solche Bewegung müßte zu tieferer Erfassung der zu Grunde liegenden religiösen Fragen, zu neuen Anschauungen, zur Schärfung wissenschaftlicher Erkenntniß, zur Schöpfung origineller Geisteswerke anregen; so war es in früheren Zeilen religiöser Bewegung. Und gegenwärtig? Wallfahrten und Peterspfennige, Beschimpfung und erbauliche Phrasen von der einen Seite, und von der andern nicht minder Dürre! Gedankenerweckung, schönere Pflege geistigen Lebens, Befruchtung des idealen Strebens begleitet den gegenwärtigen Kampf mit Nichten. Das ist keine Verjüngung; das aber müßte eine jede solche Bewegung sein, die den Anspruch erhebt, ein ״Culturkampf" zu sein. Cultur ist nicht äußere Rechtabgränzung, nicht Raumschaffung zur willkürlichen Bewegung, Cultur ist Geistesbildung, ist Veredlung und Vertiefung in den Anschauungen, ist Anbau des Wissensgebietes, ist Bereicherung mit neuen Erkenntnissen. Dahin geht aber nicht das Trachten in diesem Kampfe, religiöse Erkenntniß und religiöses Leben gehn dabei ziemlich leer aus. Nur unter solchen Umständen kann auch die erstarrte Aeußerlichkeit in der einen Richtung des Judenthums als ebenbürtiger Streiter auftreten und betrachtet werden. Man fragt ja nicht nach Gedankenklarheit, nach innerer Folgerichtigkeit, sondern blos nach individuellem Belieben. Jene Richtung ist die Feindin alles Wissens, das außerhalb der Schranken des Thalmud liegt, sie tritt als solche offen auf, wo das Leben nicht mit seinen zwingenden Anforderungen ihr ein Anderes auferlegt, wo sie ungescheut und ungestraft es darf, ja sie thut es überall, wenn auch hie und da vorsichtiger und gemäßigter. Aber man fragt nicht danach, man erklärt auch sie für berechtigt. Sie ist ausschließlich palästinisch, sie fügt sich nicht organisch ein in das moderne Staatsleben, in ähnlicher Weise wie der Ultramontanismus, sie ist unduldsam bis zu den äußersten Consequenzen; man fragt nicht danach, man will auch sie im Namen der Freiheit! anerkennen. Das sind Merkmale der