Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 11 (1875)
- Issue
- 1-2 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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4 1. Zwiespalt im Denken, diesem und jenem Motive getrieben werden, nimmermehr aber von einem freien Gedanken. Das hat nun auch sein Abbild im Judenthume. Auch hier sind Herrschsüchtige und Feinde der Denkfreiheit, welche, wenn sie nicht die Herrschaft haben, nicht ungehindert jede entgegenstehende Ansicht unterdrücken können, über Beeinträchtigung ihrer Gewissensfreiheit klagen, und bei aller freien Bewegung, die auch ihnen eingeräumt wird, über Verkürzung ihrer Rechte sich beschweren und lieber den ganzen Verband sprengen möchten als im freien Geisteskämpfe ihre Ueberzeugung vertreten. Da ist es nun eine höchst betrübende Wahrnehmung trauriger Gedankenverwirrung, wenn freisinnige Männer in dieses zelotische Geschrei einstimmen, sich zu Vertretern dieser unverträglichen Stillstandsapostel im Namen der Freiheit machen! 2. Diese unselige Verwirrung kommt aber daher, weil der gegenwärtige Kampf nicht zunächst geistige Güter zu seinem Objecte hat, sondern die Herrschaft. Der Staat hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Freiheit der Ueberzeugung, die fortschreitende Ent- Wicklung auch auf dem religiösen Gebiete zu vertreten, wie es seine Aufgabe ist, er macht von solchen Mitteln nur Gebrauch, um seine Macht zu wahren gegen die ihn selbst bedrohenden Anmaßungen der Kirchen. Fast widerstrebend geht er an die Feststellung der Garantieen für eine genügende Vorbildung der Geistlichen, fast widerstrebend an die Einführung der Civilehe, er ist ängstlich mit der Selbstständigkeitserklärung der Gemeinden und der Befreiung derselben vom geistlichen Drucke. Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß Lohalitätserklärungen, wenn der Unverstand sich zu ihnen verstehn möchte, ihm von kirchlicher Seite vollkommen genügend wären. Seine Maßregeln sind daher zumeist die der strafenden Macht, nicht die der erziehenden Anleitung. Nicht minder matt ist der Geisteskampf von Seiten der Kirche; auch sie ist blos von Streitlust um die Suprematie erfüllt, nicht von dem Eifer für lebendige Ueberzeugungen. Die heftigsten Streiter waren — und sie sind es im Innern ohne Zweifel noch — die energischsten Gegner gegen die Grundsätze, welche sie nun vertreten, d. h. welche vorausgesetzt werden, um die Klagen über die Verletzung der mißbräuchlich sogenannten Gewissensfreiheit zu begründen. Denn ihr Kampf ist ein äußerlicher, nicht eine gesinnungsvolle Vertretung gewonnener Ueberzeugungen mit wissenschaftlichen Gründen, sondern lediglich die