Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 1-2 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wellhausen, Samuel. 85 und würdigen will. Diese Aufgabe ist eine sehr umfassende, und wir können deren Lösung nicht nebenher erwarten, wenn einmal eine Specialarbeit unternommen wird; aber dennoch muß auch diese durch den Mangel der Berücksichtigung des ganzen Geschichts- und Literatur-Komplexes, dem die Einzelschrift angehört, sehr leiden. Der Verfasser wollte sich bei dem Texte, wie er uns abgeschlossen im Hebräischen vorliegt und nach den Zeugnissen der alten Uetersetzer vermuthet werden kann, beruhigen und dessen geschichtliche Behandlung in's Auge fassen. Diese Aufgabe hat Aehnlichkeit mit derjenigen, welche ich in umfassenderem Maße in meiner ״Urschrift^ mir gestellt, doch hatte ich dabei entschieden genug hervorgehoben, daß schon vor dem Abschlüsse des Textes, vor der Periode des zweiten Tempels gar mannichfache Bearbeitungen vorgenommen wurden, die in denselben Motiven wurzelten, welche noch später nachwüchsig wirkten, daß ich jedoch diese Arbeit hier nicht zum Gegenstände meiner Untersuchung machte. Es ist seltsam, wie der Vfr., der überhaupt in seiner Auseinandersetzung mit mir wie widerwillig sich zur Anerkennung bequemt, fruchtbar von mir angeregt zu sein, und so gern herummäkelt, auch in diesem Punkte so arg Grundlage und Gedankengang meines Buches verkennt, daß er die unbegründetsten Gegenreden vorbringt. Was der Arbeit noch weiteren Abbruch thut, ist, daß der Vfr. in den eigentlichen Trieb auch der späteren Umgestaltungen nicht genügend eindringt. Er nimmt in Vorrede und Einleitung einen mächtigen Anlauf, aber indem er das Princip, nach welchem man Correcturen vornehmen dürfe, ins Klare bringen will, arbeitet er mit orthographischen Kleinigkeiten herum, die von sehr geringem Belange sind. Wohl hat die ältere Zeit mit weit größerer Willkür und Nachlässigkeit den Text behandelt. Man muß eben die Verschiedenheit in den Anschauungen der Zeiten erkennen, um auffallende Erscheinungen sich erklären zu können, welche später bei der höchst gewissenhaften, ja peinlichen Behandlung des Textes gar nicht vorkommen konnten; ich habe auch diese Seite in meiner ״Urschrift" mit reichen Belegen hervorgehoben. Aber sehr wenig gehört davon der orthographischen Abwandlung an. Das Wesentliche wird immer das ״Tendentiöse" bleiben. Tendentiös ist hier in dem umfassenderen Sinne zu nehmen, daß man nicht etwa bewußt von dem Schriftsteller abwich, ihn etwas anderes sagen ließ als man voraussetzte, daß er habe sagen wollen, vielmehr daß man von dem Standpunkte