Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 1-2 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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72 VI. Kohut, das Buch Tobias. als den Kernpunkt und die eigentliche Moral seiner Dichtung in der Verdienstlichkeit der Umgehung des herrschenden Gebrauchs die Todten nicht zu bestatten, zur Anschauung zu bringen, beweist am schlagendsten die Stelle (Cap. XII, 12 fg.), wornach Raphael als Zweck seiner Sendung die Belohnung des Tobias angiebt, weil dieser die Todten begrub. Diesen seinen Zweck läßt den Raphael der Dichter mit besonderer Feierlichkeit einleiten. Zweimal (V. 7 u. 11), also mit besonderem Nachdruck sagt Raphael: ״das Geheimniß eines Königs muß man verheimlichen, Gottes Thaten aber ehrenvoll bekannt machen". Was wollte der Dichter, muß man fragen, mit dieser Phrase? Ein Gedächtnißfehler aus Spr. XXV, 2, wie Ilgen S. 106 Anm. r annimmt, ist es Wohl nicht, denn abgesehen davon, daß bei sonstigen der heiligen Schrift entlehnten und richtig angeführten Citaten, nicht gut eine Verstümmelung gerade in diesem Fall anzunehmen ist, steht die Apostrophe der Könige respective ihrer Handlungen in keinem rechten Zusammenhang mit dem Folgenden. Ganz anders gestaltet sich die Sache, wenn wir annehmen, daß der Verfasser gegen die Handlungen der Könige beziehungsweise ihre Erlässe polemisiren will, wenn diese gegen die göttlichen Gebote verstoßen. Diese Polemik mußte natürlich verdeckt werden und konnte der Dichter am allerwenigsten die zu erhebende Rüge, das heißt den Tadel wegen des von den Sasänidenkönigen so streng gehandhabten Verbotes der Todtenbestattung, in seinem eigenen Namen und unumwunden aussprechen. Es war deshalb sinnig, diesen Tadel, wenn auch jetzt selbst die Klugheit es erheischte das zu sagende in ein gewisses Halbdunkel zu stellen, durch den Engel Raphael und zwar nachdrücklich aussprechen zu lassen. Diese Vorsicht aber zeugt am sprechendsten davon, daß der Dichter in dieser Zeit allgemeiner Calamität, gegen welche von Seiten der Juden in offener Weise Niemand anzukämpfen wagte, gelebt haben müsse. So sagt denn mit Grund Raphael zu Tobias: ״Als du die Todten begrubest, war ich bei dir. Auch damals, als du ohne Bedenken deine Mahlzeit verließest, um den Todten zu bestatten, warst du mit deiner edlen Handlung mir nicht verborgen, sondern ich war bei dir. Daher schickte mich Gott ab, dich und deine Schwiegertochter Sarah zu heilen. Ich bin Raphael einer der sieben heiligen Gesandten" u. s. w. Nachdem Raphael (V. 20) noch eingeschärft: ״Alles was vorgefallen aufzuschreiben" — war es doch dem Autor vor Allem darum zu Lhun, die durch die Dichtung veranschaulichte