Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 1-2 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1. (Lin weltgeschichtlicher Wendepunkt. muß erstarken, um voll und unzweideutig auszusprechen: die alte Kirchenlehre ist gestorben, bestattet sie anständig! Die alte Kirchenlehre, und das ist nicht blos der Katholicismus. Denn auch der Protestantismus, insofern er an den unklaren, verworrenen Anschauungen aus vorachtzehnhundertjühriger Zeit festhält, insofern er damalige untergeordnete Ereignisse zu fortdauernd maßgebenden, die geistige Entwickelung bestimmenden stempelt, insofern er nicht muthig der ganzen Geistesbewegung sich anschließt, um in ihr nur als vorbereitender und vorübergehender Factor zu gelten, auch er ist, so lange er sich selbst verblendet, erstorben. Ob er die Fähigkeit zu seiner Wiederbelebung in sich trägt, steht dahin, ist sehr zweifelhaft; jedenfalls ist er an einem Punkte angelangt, wo er sehr zu bescheidner Einkehr und Selbstprüfung aufgefordert wird. Sein ganzes officielles Kirchenthum ist in den bedenklichsten Zwiespalt getreten mit allen Anforderungen der Gegenwart, seine Wissenschaft ist verkümmert, und selbst seine freisinnigen Regungen sind matt und haltlos. Muth und Selbsterkenntniß müssen ihm selbst, müssen den erleuchteten Trägern des Zeitbewußtseins das Bekenntniß aus die Lippen legen: die alte Kirchenlehre ist gestorben, bestattet sie anständig! Und wie steht es mit dem Judenthum? Sprechen wir es offen und ehrlich aus: Das Judenthum der palästinischen Nationalität, das Judenthum de? herkömmlichen Satzungen ist seit einem Jahrhundert seines Inhaltes entleert, ist an dem Andrange der Wogen neuer geistiger und bürgerlicher Bewegung zerschellt, und was sich von ihm als Wrack auf dem Zeitenmeere umhertreibt, kann sich nicht lange mehr halten. Alles Toben und Wüthen, alles kecke Herandrängen und alle Uebergeschäftigkeit der Einen, alles Vermitteln und Verhimmeln, alle zaghafte Trägheit und alle schwächliche Zärtlichkeit der Andern vermag die innere Haltlosigkeit nicht zu stützen. Dem Judenthum, dem seine unverwüstliche geistige Gesundheit in seinem Prophetenthume verbürgt ist, das die Freiheit der Entwickelung ebenso als unveräußerliches Erbe der Vergangenheit, wie als eine werthvolle Frucht staatlicher Thecknahmlosigkeit sich bewahrt hat, ihm vor allem ziemt Muth und Vertrauen zur Wahrheit. Das Judenthum der palästinischen Nationalität und der herkömmlichen Satzungen ist erstorben; das Judenthum aber, das die Menschheit umfaßt und die prophetischen Ideen zu seinen Leitsternen hat, lebt und ge- 1*