Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 1-2 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2 I. Ein weltgeschichtlicher Wendepunkt. sich selbst verzagenden Erfolgen unternommen. Seit einem Jahrhundert ist der Bruch zwischen der Culturentwickelung, zwischen dem unentreißbaren Geistesgute der Menschheit und dem herrschenden Kirchenthum vollzogen; dieses ist in dm Geistern gerichtet und vernichtet und erhält sich dennoch theils durch die Zähigkeit, welche einer bestehenden, in alle Verhältnisse eingelebten Macht innewohnt, und wird zum andern Theile mit aller Kraftanstrengung und den künstlichsten Mitteln erhalten, mit frischem Blute genährt. Nun jedoch ist der Riß offenbar geworden, er läßt sich nicht mehr zusammenflicken, er ist an Endpunkten hervorgetreten, die zum Theile als leicht abtrennbar scheinen könnten, während er sich dem kundigen Auge als voll und unheilbar darlegt. Der Katholicismus hat schon seit lange beurkundet, daß er unfähig ist, mit der freien Geistesentwickelung im Zusammenhänge zu bleiben; so oft eine wissenschaftliche Regung sich innerhalb seiner Grenzen zeigte, wurde sie zum Schweigen gebracht, und die Anstrengung nach Befreiung endete mit verschärftem Geistesdrucke. Nachdem er sich noch in neuester Zeit alle staatlichen freien Errungenschaften zu nutze gemacht, indem er ferner von seiner innersten Konsequenz immer schärfer und einschneidender jede geistige Selbstständigkeit zu verdrängen sich getrieben fühlt, treten an den äußersten Endpunkten die Versuche der Nothwehr gegen seine Anmaßungen auf. Der Rest von wissenschaftlichem Gewissen, welchen sich der ״Altkatholicismus" bewahrt hat, bäumt sich gegen die Machtgebote des ״unfehlbaren" Greises auf dem vaticanischen Stuhle, gegen die neue MenschenvergöLterung auf, die neue nationale Bewegung in den geeinten zusammengehörigen Volksstämmen muß gegen die kirchliche Herrschsucht sich auflehnen, welche überall die Zersplitterung nährt, um allein als einheitliche Macht die Zügel in der Hand zu haben. Beide betheuern, daß sie blos gegen Ausschreitungen des Katholicismus ankümpfen, ihm selbst aber entweder mit aller Verehrung anhangen oder ihn doch mit aller Ehrerbietung anerkennen, daß sie ihn unangetastet lassen wollen. Diese Versicherungen mögen sehr redlich gemeint sein und sind dennoch blos Selbsttäuschungen, die sich binnen Kurzem Lügen strafen müssen. Der Kampf gilt dem Feinde der Bildung, dem Unterdrücker der Geistes- und der Gewissensfreiheit, kurz dem Katholicismus, wie er seit achtzehn Jahrhunderten weltgeschichtlich sich manifestirt hat. Der Muth und die Standhaftigkeit müssen wachsen, die Gesinnung