Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 1 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Humanismus im neueren Judenthume. 7 mit Gott und dem Baal es gleichmäßig halten will, stark aus. Als namentlich in dem verstärkten politischen Interesse das innerliche geistige, besonders das religiöse Leben in den Hintergrund gedrängt wurde, nahm ein solches Gehenlassen sehr zu; man glaubte sich vor einem jeden Nachtheile, den die geistige Freiheit erleiden könne, sicher genug, dachte jedem Einzelnen seine Entscheidüng über sein religiöses Verhalten überlassen zu müssen, die allgemeinen Angelegenheiten aber sollten ohne weitere Anregung bleiben. Diese Gesinnung theilte sich daher auch dem jüngeren Theologengeschlechte mit, das von der Müdigkeit der Zeit ergriffen, freie Studien nicht verschmähen wollte, aber von dem Drange nach religiöser Verjüngung sich fern hielt. Der Humanismus schlechter Sorte blüht unter ihnen vortrefflich, wenn diese greisenhafte Schwächlichkeit eine Blüthe genannt werden kann. Die Zeitereignisse sollten Wohl endlich belehren, wie die Unterdrückung religiöser Freiheit, die Zurückhaltung religiöser Klarheit, die Verdrängung des religiösen Fortschritts immer Hand in Hand mit allen dunkeln Mächten geht, wie in ihr die zuverlässigste Bundesgenossin für alle Verfinsterung und alle Erniedrigung der Menschheit gesucht und gefunden wird, wie weder die bürgerliche Wohlfahrt noch die Geistesmündigkeit der Völker gesichert ist, wenn diesem Feinde der Menschheit die Macht nicht entwunden wird, wie er unter den verschiedensten Wandlungen immer neu die edelsten Güter bedroht. Weg daher in allen Religionen mit jener gefährlichen Halbheit, die die Wissenschaft zu pflegen vorgiebr und dennoch mit dem religiösen Conservatismus buhlt! Die Partei einer unsehlbaren Kirche — geschweige eines unfehlbaren Papstes, — einer unfehlbaren Augustana, eines unfehlbaren Schulchan aruch wird nie und nimmer das Recht der freien Wissenschaft anerkennen, nie und nimmer sie auch nur ertragen lernen. Es gilt daher den ernsten Entschluß; wer es mit der einen ehrlich meint, muß mit der andern entschieden brechen. Wer den Sieg davon trägt, ist keinem Zweifel unterworfen. 9. Nov.