Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 1 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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6 1• Humanismus im neueren Iudenthume. Mangel an geistiger Energie, wie wir diese Schwächen auch im alten Humanismus antreffen. Noch zutreffender wird der Vergleich, als die Bewegung sich mehr nach dem Osten hin ausdehnte. Dort ward bei einem allgemein verbreitetem altjüdischen Wissen die Theilnahme an dessen wissenschaftlicher Vertretung bald von Vielen getheilt, aber auch die Scheu vor der ungebildeten Masse war sehr groß. Ferner war dort die neuere Richtung aus Deutschland übertragen, sie vermochte sich nicht an eine gebildete Landessprache und an eine im Vordergründe stehende neuzeitliche vaterländische Cultur anzuschließen; die geistige Erweckung knüpfte sich daher besonders an die Lichtblicke aus der Vorzeit, und sie bewegte sich ganz innerhalb des hebräischen Schriftthums, das wieder neubelebt werden sollte. Dort galt wie in der Humanistenperiode ein schöner hebräischer Styl als Inbegriff von Kunst und Wissenschaft, und was darüber hinausging, erschien von Nebel. Es fehlte nicht an freisinnigen Ansichten, an einem Anlaufe zu verjüngenden Bestrebungen, aber sie wichen alsbald mit Scheu vor den praktischen Schwierigkeiten zurück. Dort wollte sich jene angebliche Trennung von Wissenschaft und religiösem Leben wirklich vollziehen, hat aber blos zum Verderben beider gewirkt. In Deutschland waren unterdessen die fortschreitenden Bestrebungen bald stiller bald unter schweren Kämpfen siegreich vorgedrungen. Die Umgestaltung der Gesammtheit in dem engeren Anschlüsse an das staatliche ZürgÄhum und an die moderne Bildüng war unaufhaltbar, eine Fernhaltung der Wissenschaft war eine Unmöglichkeit, und nur die conseguente Anwendung auf das religiöse Leben 'war und blieb ein Gegenstand des Streites. Freilich kamen beä der überwiegenden Mehrzahl Punkte, welche früher den Kamps erregten, kaum mehr zur Frage; das persönliche Leben befMte sich immer mehr, aber die Berechtigung*, die Freiheit der 'Forschung auf das Judenthum, seine Lehren und Satzungen zu übertragen, wurde noch immer selbst von denen, die sie für sich ohne Weiteres in Anspruch nahmen und ausführten, vielfach beanstandet. Während den energischen Anforderungen zur Reform gegenüber auch der Gegensatz, so hoffnungslos seine Aussichten sein müssen, sich schärfte und geradezu die Fahne des Rückschrittes, des hartnäckigsten Festhaltens an dem alten System mit seinen rigidesten Folgerungen entfaltet wurde, breitete sich auch jene Richtung, die