Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 1 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Humanismus im neueren Judenthume. 5 politische Reaction und die mit dem Mittelalter liebäugelnde Romantik mäkelte an den bereits von den Juden erworbenen Rechten, richtete die eingestürzten Schranken theilweise wieder auf, verhinderte dann die fortschreitende Befreiung, ja sie griff auch geradezu in die geistige Entwickelung des Judenthums und störte durch Verbote jeden Versuch reformirenden Strebens. Die Folge davon war ein Ermatten der Geister, Abwenden von den Interessen des Juden- Lhums, ja gänzlicher Austritt aus dessen Verbände, und andererseits dumpfe Erstarrung, weiteres Hinsiechen in den alten Zuständen. Da gab es höchstens noch einige zahme Humanisten, die im schriftstellerischen Gebrauche emes angeblich geläuterten neuhebräischen Idioms die Wissenschaft zu fördern vermeinten und, im Innern bald mehr bald weniger abgelöst, doch äußerlich das alte Satzungswesen festzuhalten den Schein annahmen. Die Männer waren bedeutungslos und ihre Namen sind später bald vergessen worden. Allein der Fortschritt der Zeit im bürgerlichen und geistigen, daher auch religiösen Leben ging dennoch still weiter, und mit einer verjüngten Zeit trat ein neues Geschlecht in den Besitz und zur Arbeit. Angeregt durch die freiheitlichen Ideen zum energischen Kampfe um bürgerliche Gleichstellung, gehoben durch ein neugewecktes Selbstbewußtsein, entzündeten sich auch die Geister wieder für die geistige Befreiung, für die innere Umgestaltung. Den für ihre eigene Person und Lebensstellung weit Vorangeschrittenen waren die Reformbestrebungen, an das., Bestehende sich anklammernd, zu eng und winzig, den Anderen erschien das kecke Rütteln verbrecherisch; aber der ernste Eifer, der in den maßvollen, ebenso mit gründlicher Kenntniß eingehenden wie von sittlicher Wärme erfüllten Versuchen sich kundgab, erweckte dennoch viele Theilnahme. Zugleich aber machte sich von vorn herein jene mattherzige Gesinnung auch bei Vielen bemerklich, die in Betreff der Freiheit für ihre Person in Leben und Wissenschaft sich aller Schranken entledigt erklärten, allein das Judenthum in seiner officiellen Erscheinung innerhalb des Herkommens erhalten zu sehn begehrten und oft dafür mit einem Fanatismus eintraten, der ebenso traurig wie lächerlich war — traurig, weil er hemmend war für die Gesammtheit und den eigenen Mangel an Consequenz so bloslegte, lächerlich bei dem Hinblicke auf das eigene Leben jener Vorkämpfer des Stillstandes. Wir begegnen hier im Grunde derselben Halbheit, derselben gedankenlosen Friedensliebe, die sich gerade deßhalb mit in den Streit hineinstürzt, demselben