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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 4 (1870) · p. Seite 298

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
4 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 298 (sequence 58)
Language
German
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298 III. Die jerusalernische Gemara. aus Scheu vor dem deutlichen Buchstaben der biblischen Vorschrift, nicht geradezu, vielmehr verlangte er eine schriftlich aufzunehmende Erklärung des Gläubigers vor dem Gerichte, er werde seine ausstehenden Schulden im Brachjahre nicht erlassen. Das nannte man Prosbul. Das blieb aber immerhin ein Eingriff in das so bestimmte biblische Gesetz. Das fühlten die Lehrer und versuchten diese Vorkehrung Hillels auf die gezwungenste Weise gegenüber dem entgegenstehenden biblischen Gebote zu rechtfertigen. Samuel sagt (b. Gittin 36 b) ehrlich und offen, das Prosbul sei ein Gewaltstreich der Richter, und er würde, wenn er die Macht dazu hätte, es wieder aufheben. Er liebte nicht die Schleichwege, mit geradem Rechtssinn entschied er für oder Wider. Von besonderm Einflüsse auf die abweichende geistige Richtung war ihre anderartige Stellung zu ihrem gegenwärtigen Heimathslande. Während die Juden Palästinas einem immer wachsenden Drucke verfielen, sie auf dem Boden, den sie als das ihnen angehörige Stammland betrachteten, von ״Fremdlingen" bedrängt und mißhandelt wurden, sie daher die Staatsgewalt als eine usurpirte ansehen mußten, sich ihr nur als der brutalen Gewalt unterwarfen, deren Recht und Gesetz ihnen ein verhaßtes Joch war: genossen sie in Persien, Babel, verhältnißmäßig ziemliche Freiheit, machten dort gar keinen Anspruch auf eigne Herrschaft, erkannten vielmehr die bestehende Staatsgewalt als die vollkommen berechtigte an. Daher erschien den dortigen geisteskräftigen Lehrern — es fehlte allerdings auch nicht an andersdenkenden Romantikern — der Aufenthalt in diesem neuen Adoptiv-Vaterlande als durchaus wünschens- Werth und das Verlangen, es mit dem, wenn auch geheiligten Boden Palästina's zu vertauschen, geradezu als sündhaft. Wird uns Dies im Namen Juda's berichtet (Berach. 24 b und Parall.), so folgt dieser Wohl hierin der Ansicht seines Lehrers Samuel, der die realen Zustände mit nüchternem Blicke betrachtete und nicht in schwärmerischen Zukunftshoffnungen lebte. Ihm war die Messiaszeit nicht etwas überirdisch Nebelhaftes, sondern eine völlig mit der gegenwärtigen übereinstimmende Weltordnung, nur daß Vergewaltigung und roher Druck gewichen (Schabb. 63 a und Parall.). Er nährte keinen finstern Groll gegen alles Bestehende, gegen die Völker und ihre Gesetze, er erkennt in Gott den gleichmäßig milden Richter aller Völker ganz wie gegen Israel (j. Rosch ha-Schanah 1, 3), erkennt in dem Nichtjuden den gleichberechtigten Menschen,

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