Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 282 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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282 III. Die jerusalemische Gemara. ebenbürtige Stellung zu erringen, durch Uebernahme von Satzungen, die den priesterlichen nahe ähnlich sind, Allen die Heiligung zu verschaffen, das ganze Volk überhaupt mehr in den Kreis der religiösen Verwaltung, der selbstthätigen gottesdienstlichen Verrichtung hereinzuziehen und die Gesetze seinen Bedürfnissen anzubequemen. Während man so das tägliche Leben der Gegenwart für Alle religiös weihte, war die Hoffnung, in einer nahen Zukunft aus den engen Zuständen einer ärmlichen Wirklichkeit in umfassendere einzutreten, in diesem Kreise des Volkes lebendig, die Erartung einer kommenden Zeit des Himmelreiches, der Auferstehung, der Erscheinung eines Messias fand da einen fruchtbaren Boden. Diese Richtung war die des Pharisäismus, deren Gegensatz gegen die herrschende Priesterpartei von vorn herein nur unter einer leichten Decke schlummerte. Der entschiedene Widerspruch aber erwachte an der Verweltlichung und an der Herrschsucht, welche das unvermeidliche Uebel einer jeden Hierarchie sind, und als schwere Gefahren das Vaterland bedrohten, die Herrschenden sich als unzuverlässig erwiesen und nur die erstarkte Volkskraft den Untergang abwendete, da war der Zwiespalt zwischen Sadducäismus und Pharisäismus zum vollen Bewußtsein gekommen, er dauerte ununterbrochen fort und wuchs immer mehr heran. Der Pharisäismus entfaltete einen sehr löblichen Eifer dem Priester-Uebermuthe zu wehren, das ganze Volk von dem Bewußtsein seiner religiösen Aufgabe zu erfüllen; allein die als verbindlich anerkannte israelitische Gesetzgebung hinderte ihn an der vollen Verwirklichung seiner Grundsätze, sein Kampf gegen den Sadducäismus, ohnedies durch dessen altererbte Macht erschwert, mußte oft ein kleinlicher werden, er ging, da er sich vom Priesterthum nicht befreien konnte, darauf aus, das ganze Volk möglichst in Priestergewand und Priestersatzung zu hüllen. So in der älteren Zeit, und die alte pharisäische Halachah wich im Grunde nicht sehr von der sadducäischen ab, die die Priester freilich mehr für sich, für ihre Verwaltungsanordnungen und richterlichen Entscheidungen aufstellten. Der Pharisäismus jedoch gewann immer mehr an Macht, während die staatlichen Umgestaltungen der Priesterpartei die Herrschaft mehr und mehr entwanden. Da sing auch der Pharisäismus an sich innerlich freier zu entfalten, und eine neue Halachah, wie sie mit Hillel beginnt, geht kühner, selbstständiger zu Werke, entfernt sich viel weiter