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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 4 (1870) · p. Seite 262

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
4 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 262 (sequence 22)
Language
German
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262 I. Reuchlin und das Judtlithum. lebendiger Theilnahme verfolgen: so ist eine bedauerliche Wahrnehmung, wie diejenigen, um die es sich zunächst handelte, die Juden selbst, fast theilnahmlos verharrten, kaum Kenntniß von den Vorgängen nahmen, insofern nicht unmittelbar ihre Personen und ihre Habe bedroht wurden. Jüdische Männer waren die Lehrer Reuchlin's, jüdische Gelehrte sind auch sonst einigermaßen in sein Leben verflochten, der jüdische Leibarzt des Papstes wird von ihm aufgefordert, sich zu seinem Gunsten bei dem Papste zu verwenden, und dennoch hören wir Nichts von irgend welcher Betheiligung von Seiten der Juden. Hiermit wird weniger ein Armuthszeugniß für diese ausgestellt als vielmehr für die Christenheit, die sie in so klägliche Verkümmerung gebracht, die sie in solche Angst vor einem jeden freien Worte, vor einer jeden rettenden That versetzt hat. Und so Wirkte auch damals diese ganze Bewegung nicht befreiend auf Juden und Judenthum, und dem Christenthum ward der anspornende Wetteifer, die vertiefende Klärung entzogen, welche ihm aus dem Geisteskampfe mit dem Judenthum und seinen Vertretern hätte zu Theil werden müssen. Die christliche Gelehrsamkeit begnügte sich eine lange Zeit, aus jüdischen Schriften zu lernen, soweit sie es für ihre Zwecke nützlich fand, warf das Andere als werthlos weg, behandelte es mit geringschätzigem Achselzucken, ohne es nach seinem Werden und seiner Entwickelung tiefer zu ergründen, zumal ohne in ihm die Zeugungskraft für die Entstehung des Christenlhums, welches sie als unmittelbare schöpferische Gottesthat verehrte, aufsuchen zu wollen. Die Juden ihrerseits standen zu sehr außerhalb der geistigen Bewegung, als daß sie dieselbe hätten mit ihrer Erkenntnitz fördern können. Sie haben sich mühsam im Fortgange weltgeschichtlicher Ent- Wickelung aus dieser Erniedrigung erhoben. Die vier Jahrhunderte sind an der Menschheit, das letzte-zumal an den Juden nicht spurlos vorübergegangen. Es ist Zeit, daß der Reuchlin'sche Streit in der freieren Menschheit mit geistigen Waffen wieder ausgenommen, die Acten revidirt werden. Noch immer bläht kirchliche Machtvollkommenheit sich auf und will den Geist in Bande schlagen; noch immer will einseitiges Vorurtheil die weltgeschichtliche Strömung für unsere Tage dämmen und will ebenso das Jneinandergreifen der geistigen Bewegungen vor achtzehn Jahrhunderten nicht zugestehen. Aber es regt sich in den Geistern. Die natürliche Entstehung des Christenthums aus den damals bestehenden jüdischen

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