Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Reuchlin und das Iudenthum. 261 Wird, daß sie die Fülle ihrer ganzen Herrlichkeit zu dem kümmerlichen Maße der bestehenden Verhältnisse, der allgemeinen Empfanglichkeit beschränken muß, aber sie leistete das Wesentlichste, was damals bereits zur Befreiung gereichte und was für die späteren Zeiten noch weitere freie Bahnen eröffnete. Es wäre eine bloße Beschönigung, wenn man die Ungunst, mit der die bedeutenden Vertreter des Humanismus auf Luther blickten, den Kampf, welchen Erasmus gegen diesen unternahm, in der Beschränkung suchen wollte, welchen die Reformation der freien humanistischen Idee auferlegte; Wohl mögen jene darin für sich selbst, für ihre Ab- Wendung von der neuen Bewegung eine Rechtfertigung gefunden haben, dennoch war das tiefere Motiv die vornehme theils geringschätzige theils zaghafte Stimmung jener privilegirten Geister gegen das Anstürmen der Masse, mit der sie eine Berührung scheuten, deren plumpe Kraft sich nicht mit ihren eleganten Manieren in Einklang bringen ließ. Sonst hätten sie, bei aller Abwehr falscher Consequenzen, sich an dem ernsten Kampfe der Befreiung, der doch von ihnen zunächst angeregt war, nach ihrem Sinne betheiligen müssen. Genug, die Reformation ist die Tochter des Humanismus, wenn auch dieser in sehr bedeutenden Vertretern sie nicht als sein legitimes Kind anerkennen wollte, und Reuchlin's wissenschaftliche Thätigkeit wie sein dadurch angeregter Kampf für die jüdischen Schriften hat deren Bestrebungen vorzugsweise befruchtet. Die Reformatoren schrieben mit auf ihre Fahne: Rückkehr zur ״hebräischen Wahrheit", Pflege des hebräischen Textes, und auch sie vertrauten sich der Anleitung der jüdischen Bibelerklärer an, wenn sie sie auch nicht mit dem zärtlichen Auge gelehrter Vorliebe betrachteten, vielmehr Luthers gesunder Menschenverstand ebenso gegen kabbalistische Schwärmerei wie gegen haggadische Ueberschwänglichkeit entschieden Front macht, theilweise auch seine kirchlichen Vorurtheile ihm das Auge vor ihrer nüchternen Auffassung schlossen. Die Reformation hat das Iudenthum und seine Literatur nicht in dem Maße gehegt wie Reuchlin, ja sie hat bald auch die gleiche Abneigung gegen dasselbe und seine Bekenner an den Tag gelegt wie die alte Kirche, aber sie hat seine gesunde Kraft in sich ausgenommen, ihm so selbst neue Kraft verliehen und seiner Anerkennung die Wege vorbereitet. — Wenn wir nun diesen Kampf, der die ganze Zeit aufregte und für das Iudenthum und seine Literatur so entscheidend war, mit