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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 4 (1870) · p. Seite 260

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
4 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 260 (sequence 20)
Language
German
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260 I. Neuchlin und das Judenthum. weitverbreiteten Theilnahme, die Reuchlin's Person und Sache auch in den maßgebenden Kreisen fand, würde man sich unter allen Umständen nicht haben entschließen können, endgültig für ihn gegen die gefügigen Werkzeuge der päpstlichen Macht Partei zu ergreifen, und als nun gar die reformatorische Bewegung eintrat und man den Zusammenhang zwischen ihr und den Bestrebungen für die Freiheit der Wissenschaft witterte, war es natürlich, daß das Zünglein noch mehr zu Ungunsten Reuchlin's sich neigte, sosehr dieser auch eine jede Solidarität mit Luther und seinem Auftreten ablehnen mochte. Wohl mag, weil diese Bewegung seiner Sache ungelegen kam, R. um so unwilliger über siegeworden sein; allein er hätte einsehen müssen, daß ein Bemühen um freie Forschung ein ganz vergebliches ist gegenüber einer anerkannten geistlichen Zwing- Herrschaft, die nimmermehr eine solche dulden konnte. Das non xoLLumns liegt einmal im Wesen der Hierarchie, und solange dieselbe nicht gebrochen war, war kein Heil für die freie Entwickelung der Menschheit zu erwarten, und solange sie noch einen Theil der Menschheit gefangen hält, bleibt die bürgerliche und geistige Wohlfahrt immer gefährdet. Allein R. hatte sich selbst innerlich noch nicht völlig von dieser Fessel befreit. Männer wie Reuchlin, Erasmus, Mutian u. A. waren zu sehr Gelehrte, als daß sie eine Wirksamkeit für die Gesammtheit anzustreben Lust in sich verspürten; sie fühlten sich weit mehr verwandt mit den Trägern der bestehenden Gewalten, mit den Kreisen herkömmlicher Bildung, und standen der Masse, die in geistiger Abhängigkeit lebte, die aber eben der Befreiung entgegenharrte, fremd gegenüber. Mit all ihrer Eleganz lateinischer Darstellung, mit all ihrer hingebenden Pflege der Gelehrsamkeit wäre jedoch die Volkskraft nicht geweckt und veredelt, freie Bildung nicht zum Gemeingute geworden. Nur die Reformation, die die Fesseln einer bevormundenden Gewalt brach, die sich an das Volk wandte, weckte neues frisches Leben. Wohl hat dieselbe nicht alle Früchte gezeitigt, zu denen der Humanismus die Keime ausgestreut; Wohl verengte sie sich bald in theologischer Einseitigkeit, wollte auch sie ihre vielfach noch sehr beschränkten Ansichten als unantastbar betrachtet wissen, und je mehr sie an Macht gewann, verschloß auch sie sich nicht dem Gelüste neue Fesseln zu schmieden. Das ist eben das Loos der Idee, daß sie, wenn sie aus ihrer Gedankenhöhe in den Boden der Wirklichkeit herabsteigt, dort von der beengenden Atmosphäre umklammert

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