Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Reuchlin und das Judenthum. 259 die Geistesproducte des nachbiblischen Judenthums, wie sie R. 4n sich trug, nicht auf Zeitgenossen und nachfolgende Geschlechter übergegangen, aber die nüchterne Schrifterklärung schöpfte man begierig aus den jüdischen Exegeten des Mittelalters, und sie wird immer siegreicher gegenüber der kirchlichen Tradition. Und so erstärkte gerade an ihr die gleichzeitig auftretende Reformation und führte zu Resultaten, die weit über die von Reuchlin angestrebten hinausgingen und die er anzuerkennen Anstand nahm. Denn Reuchlin wie die übrigen Hauptvertreter des Humanismus: Erasmus, Mutian u. A. — mit Ausnahme der Wenigen, welche sich herzhaft der Reformation anschlossen — hatten Wohl das ernsteste Wahrheitsstreben, ihnen war das Höchste die Freiheit der Forschung, die Pflege und Förderung der Wissenschaften, die Veredlung des Geschmacks; aber sie hatten nicht die Kraft und den Muth, den entscheidenden Gewalten, wenn sie dieselben nicht für sich gewinnen konnten, kühn entgegenzutreten und ihnen den Gehorsam aufzukündigen, also die Grundsäulen des Stabilitätsbaues anzugreifen. Er hatte selbst seine Streitsache vor den Papst gebracht, und die Appellation gegen dessen ungünstige Entscheidung war eben nur wieder an diesen gerichtet 1). Als nun aber ohne sein Zuthun, wenn auch wohl an der durch seinen Streit bewirkten Aufregung der Geister genährt, der Kampf Luther's gegen die alte Kirche und die Oberherrschaft des Papstes entbrannte, da fühlte sich R. bemüßigt — wie wir aus einem Briefe des darüber tief entrüsteten Hutten an ihn vom 22. Februar 1521 erfahren 2) —, in einem Schreiben an die baierischen Fürsten Luther und sein Beginnen völlig zu desavouiren, die Auflehnung gegen den Papst, dem er seine Unterwürfigkeit nochmals betheuert, entschieden zu mißbilligen. Das ist eben die schwache Seite der humanistischen wie jeder in der reinen Theorie verbleibenden Richtung. Die Männer scheuten den Kampf gegen die bestehenden Gewalten und wollten es nicht wissen, daß mit diesen nicht zu pacisciren ist, daß alle ihre noch so leise auftretenden wissenschaftlichen Bestrebungen doch über kurz oder lang von den Vertretern des Stillstandes, von den Inhabern der päpstlichen Macht niedergedrückt werden würden. Trotz der ף Das. S. 452 f. 2) Das. S. 486 ff. 17*