Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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258 1• Reuchlin und das Judenthum. von Joseph Esobi (1512) sollte vorzugsweise dazu dienen nachzuweisen, welch eine sittliche Würdigkeit und dichterische Anmuth in diesen Werken des Mittelalters aufzufinden sei, und in dem Vor- Worte wird das Zeugniß der Alten beigebracht, daß alle Kunst und Wissenschaft von den Juden komme, und wenn er ihrer Sprache den wohllautenden Rhythmus zuzugestehn bisher gezögert habe, so sei er nun davon durch eigne Wahrnehmung auf überraschende Weise überzeugt worden, worauf er sich dann mit einigen Schmähungen gegen Pfefferkorn Lust macht. Reuchlin's Bemühungen hatten unmittelbar nicht den vollen günstigen Erfolg, den er selbst mit dem Aufgebote aller Kraft und mit dem Reichthum aller seiner geistigen Mittel anstrebte. Der Kampf dauerte lange Jahre, lenkte durch die gewechselten Streitschriften vielfach von dem eigentlichen Gegenstände ab und gestaltete sich zum Kriege zwischen ihm, seinen humanistischen An- Hangern und der fortschreitenden wissenschaftlichen Bildung auf der einen, und Pfefferkorn, Hochstraten mit dem ganzen Anhänge der Dunkelmänner, der stabilen Theologie auf der andern Seite, die Entscheidung schwankte lange, die Kirchenhäupter sollten das Urtheil sprechen, und endlich erfolgte am 23. Juni 1520 der Spruch des Papstes eigentlich zu Ungunsten R.'s. Sein ״Augenspiegel" — die erste Verteidigungsschrift für sein Gutachten — ״wurde als ein ärgerliches, für fromme Christen anstößiges, den Juden unerlaubt günstiges Buch für den Gebrauch untersagt, ihm selbst ewiges Stillschweigen auferlegt". Auch der Erfolg für die dadurch angeregte geistige Bewegung darf, insofern wir uns auf den eigentlichen Gegenstand des Streites, auf die Würdigung der jüdischen Schriften beschränken, nicht überschätzt werden. Denn so lebhaft alle gebildeten Geister sich an Reuchlin's Angelegenheit betheiligten, so gewannen sie doch keineswegs ein Interesse für die jüdische Litera- Lur, sie erwärmten sich nur für den Kampf der wissenschaftlichen Freiheit gegen die engherzige Verfinsterung. Und dennoch wurde der Zweck im Wesentlichen erreicht, zum Theile noch weiter geführt, als es in R.'s Absicht lag. Die jüdische Literatur war vor Vernichtung gerettet, die Beschäftigung mit ihr fand eine Anzahl tüchtiger Vertreter, Thalmud und das ganze nachbiblische Schriftthum in seinen Hauptwerken ward durch den Druck verbreitet, und zwar unter den Augen des Papstes, zum Theile auf seine Anregung. Wohl war die warme Zuneigung für