Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Reuchlin und das Jubenthum. 253 griffen, welche seit 1507 namentlich von Pfefferkorn, dem jüdischen Apostaten, gegen die Juden, ihre Schriften und ihre religiösen Gebräuche wiederholt erfolgten, ist durchaus kein äußerlicher Zusammenhang mit den neuerwachten Bemühungen um die Verbreitung der Kenntniß des Judenthums, kein Gegensatz gegen sie zu erkennen, es läßt sich nicht Nachweisen, daß sie aus ihnen die Veranlassung genommen. Allein unbewußt fühlte man sich zu einem solchen Vorgehn gedrängt, und die Tragweite des dadurch hervorgerufenen Kampfes war viel größer als die welche frühere derartige Plänkeleien annahmen, sie war so, wie sie nur aus dem neuen Zwiespalte der Zeitrichtungen sich ergeben konnte. Reuchlin tritt, seiner ganzen Natur nach, nicht aus eigenem Antriebe in den Kampf, ״er war, wie sein neuester Biograph sagt (S. 478), kein Mann der That", und wir werden diesen Ausspruch noch im Verfolge gar sehr bestätigt finden^ er würde sich mit der wiffenschaftlichen, der literarischen Arbeit zu seinem Ziele hin begnügt haben; doch der Anlaß zur thatkräftigen Betheiligung kam an ihn heran. Schon 1505 war er von einem Edelmann angegangen worden ihm die Mittel auzugeben, wie man die Juden bessern, d. h. bekehren könne. Diesem Vorhaben ist R. sehr zugethan, er wünscht als frommer Christ auf's Lebhafteste diese Bekehrung, sieht die Ursache des gegenwärtigen Elends der Juden in ihrer fortdauernden Sünd- Hastigkeit, d. h. daß sie wie ehedem noch jetzt Jesus nicht anerkennen, aber er empfiehlt zu ihrer Bekehrung Milde und Sanftmuth *). Weit tiefgreifender als diese von einem Einzelnen und blos in Betreff der Discussion mit den Juden an ihn gerichtete Anfrage war die Aufforderung, welche an ihn von dem Reichsoberhaupte erging, also eine allgemeine Maßregel betraf und zwar eine solche, die vorzugsweise die jüdische Literatur bedrohte. Denn Pfefferkorn's Antrag ging weniger auf die Juden als auf ihre schriftlichen Denkmale; ihre Bücher sollten ihnen hinweggenommen, sie geprüft, alle schädlichen beseitigt und von dem Verdammungsurtheile, das schon von vorn herein gegen deren ganzen Umfang als antichristlich beabsichtigt war, auch die biblischen Bücher nicht ausgeschlossen werden, nicht sowohl weil man auch sie, die man doch nach den eigenen kirchlichen Grundsätzen ehren mußte, im hebräischen Originale für tendentiös gefälscht erachtete, wie man zu l) Reuchlin, S. 206 ff.