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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1870-01-01 · 4 (1870) · p. Seite 252

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
8 (1870)
Issue
4 (1870)
Date
1870-01-01
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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252 I. Neuchlin und das Iudenthum. Die KennLniß der hebräischen Sprache und Bibel hat sich unter den Christen, zuerst unter weiterer Anleitung jüdischer Lehrer, namentlich des Elias Levita und seiner Werke, dann auch selbstständig erweitert und vervollkommnet, die Würdigung der jüdischen Grundschriften ist zu immer größerer Klarheit gelangt, und wenn auch hie und da ungünstige Stimmungen deren Werth zu verkleinern versuchten, so ist doch durch dieses verfinsternde Gewölke bald der Helle Strahlenglanz der leuchtenden Ideen in dem hebräischen Alterthum durchgebrochen. Auch die nachbiblische jüdische Literatur ward eine längere Zeit mit Hingebung gepflegt; nur die letzten anderthalb Jahrhunderte haben dieselben vernachlässigt in dem falschen Glauben, das etwa Brauchbare in ihr sei längst erschöpft und zum Gemeingute geworden, man bedürfe ihrer nicht mehr, indem man sich zu höheren Standpunkten erhoben habe. Darin steht man demnach heute in der christlichen gelehrten Welt weit hinter Reuchlin zurück. Vorzugsweise zeichnet sich Reuchlin durch die liebevolle Hingebung an die jüdische Literatur, in der anerkennenden Hochachtung vor ihrem Inhalte, in der daraus hervorgehenden mannhaften Vertheidigung derselben und dem Wohlwollen, das er damit den überlebenden Trägern, den damaligen Juden, weihte, vor seinen Zeitgenossen und Nachfolgern aus. Seine schwärmerische Verehrung der Kabbalah ließ ihn die Beschäftigung mit dem hebräischen Schriftthum nicht als eine bloße gelehrte Arbeit betrachten, sie war ihm religiöse Gesinnungs- und Herzensangelegenheit, er fand in ihr die reichste ungetrübteste Nahrung für ein gesundes Geistesleben, für die Belebung lauterer religiöser Empfindung, widmete sich ihr daher mit voller Wärme, die er auch bei Andern anzuregen suchte. Die dunkeln Mächte der Erstarrung haben ein instinctives Gefühl dafür, um zu ahnen woher ihnen die Macht eines neuen geistigen Lebens droht, und sie treten mit aller rohen Plumpheit der Unwissenheit und des verjährten Besitzes gegen sie auf, nicht um zu widerlegen, sondern um niederzuwerfen. So empfand auch die herkömmliche kirchliche Orthodoxie, daß ihr wie in der Wiedererweckung des classischen Alterthums so auch in der hingebenden Beachtung des Judenthums ein Feind erstehe, den sie nicht aufkommen lassen dürfe. Gegen den letzteren lagen ihr die Waffen viel mehr bereit durch den herkömmlichen Haß gegen das Judenthum und dessen Bekenner, durch die Verachtung, die beide bedeckte. In den An-

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