Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 I. Reuchlin und das Judenthum. Reuchlin hatte sicher dieser seiner Thätigkeit eine hervorragende Wichtigkeit beigelegt, Wohl in ihr vorzugsweise seine Lebensaufgabe erkannt, und dennoch würde sie gerade ziemlich unfruchtbar geblieben sein. Die Kabbalah hat sich nämlich die hingebende Theilnahme unter den Christen nicht erwerben können und ist ihnen bald, mit Äusnahme einiger weniger Gelehrten, ganz unbekannt geworden. Was jedoch zunächst als Hülfsmittel für diese Studien von Reuchlin betrachtet werden mochte, dann aber doch ernste selbstständige Pflege durch ihn fand, die Kenntniß der hebräischen Sprache, der rabbinischen Exegese und der jüdischen Literatur überhaupt, das machte ihn zum Lehrer Deutschland's, der ganzen gelehrten Welt, ja zu einem auserwählten Rüstzeuge für die Erneuerung des religiösen Lebens. Denn Reuchlin leistete für seine Zeit Vorzügliches als erster Grammatiker, Lexikograph, Herausgeber einzelner Bibelstücke mit Erklärungen, als schriftstellerischer Verbreiter auch nachbiblischer hebräischer Werke. Eng an seine rabbinischen Führer sich haltend, aber ihre Lehren in sich vollkommen selbstständig verarbeitend, bekundet er eine wunderbar richtige Einsicht in seinen Gegenstand, eine vollkommene Beherrschung des Stoffes. Zum Verständnisse der Bibel fehlen alle sonstigen Vorarbeiten, die alten griechischen und lateinischen Uebersetzungen mußten ihm vielfach sogar hindernd in den Weg treten, die religiöse und gedankenlose Verehrung der Vulgata wie die Aussprüche der Kirchenväter konnten ihm nur den Sinn verwirren; davor schützte ihn jedoch sein Vertrauen zu den rabbinischen Führern, die er vollkommen gerecht würdigte und noch mehr, die er besser verstand als vielleicht irgend einer der späteren christlichen Gelehrten. Bei ihm begegnen wir nicht den Mißverständnissen, die uns so oft bei Andern ein Lächeln entlocken und andererseits ernstes Bedauern erwecken, weil sie mit so vieler Zuversichtlichkeit vorgebracht werden und zu so vielen schiefen Urtheilen veranlassen. Er versteht und liebt seinen Raschi, seinen Nachmani, vor Allen seinen Kimchi, er weiß nach allen Seiten hin sehr guten Bescheid, und deßhalb gerade folgt er ihnen gerne, ohne sich ihnen gedankenlos hinzugeben; die sorgfältige Vergleichung, welcher der neuste Biograph Reuchlin's auch dessen lexikalische Arbeit mit Beziehung auf die benützten Quellen unterwirft, weist die Entlehnungen, hie und da