Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 I. Reuchlin und das Judenthum. sondern eine Thorheit von gestern, sich . zur Geltung der Chochmath ha-Kabbalah, der Weisheit (Wissenschaft) der Ueberlieferung erhob. Wie die orphischen und die sibhllinischen Dichtungen wurden auch die kabbalistischen untergeschobenen Schriften als Uroffenbarungen verehrt und den Meistern der Urzeit beigelegt. Auch die besten Geister blieben nicht frei von dem schwärmerischen Anfluge, der für jene bunte Mischung der Systeme sich zum einigenden Bande machte, und gerade Gebildetere, die sich der Landesspräche zu bedienen verstanden, Spanier und Italiener, verbreiteten auch in dieser ihre Ansichten, wie denn Leon (Juda) Aberbanele's ״Dialoge über die Siebe", d. h. über die einander anziehende Sehnsucht der als weltbewegende Kräfte wirkenden Geister, am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts weite Verbreitung fanden und tiefen Eindruck hinterließen. In Italien, dem ersten Heerde der neuen humanistischen Bewegungen, fand diese Richtung einen fruchtbaren Boden, und die gelehrtesten Männer, die glänzendsten Geister, an ihrer Spitze der Graf Pico von Mirandola, machten sich zu deren Schildträgern, indem sie die christlichen Lehren und Mysterien mit in den Bund der Geheimnisse verflochten, welche die Kabbalah verhüllte mit dem Vorgeben sie zu enthüllen. — Nach Italien waren die Blicke Aller gerichtet, die von den neuen humanistischen Bestrebungen ergriffen waren, von dort her holte man sich die geistige Erfrischung, und man schätzte es als eine besondere Gunst des Geschickes, wenn man persönlich für einige Zeit dort anwesend sein konnte, um mündlich dort zu lernen, die dort wehende geistige Luft einzuathmen, im lebendigen Verkehre mit den bedeutenden Vertretern der neuen wissenschaftlichen Richtung sich selbst vollkommen darin einzuweihen. Reuchlin, ein ernster Geist in Wissenschaft und Religion, begnügte sich nicht mit einer geläuterten Geschmacksbildung, nicht mit dem Genüsse an den classischen Schriftstellern, nicht mit der zierlichen Form eigner Darstellung oder gar mit der Ausarbeitung nachgekünstelter Verse; er verlangte tief in den Urgrund der Wissenschaft einzudringen und zugleich die religiöse Gesinnung zu vertiefen. Da bot sich auch ihm die Kabbalah dar mit ihren ebenso warmen Anregungen wie mit der verlockenden Verheißung in die Räthsel des Daseins, in den Urgrund des Werdens, in die Geheimnisse der Gottheit, in deren Wechselbeziehung zur Welt einzuführen. Er säumte nicht sich mit aller Gluth reiner wissenschaftlicher Liebe, aber auch mit