Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 I Reuchlin und das Judenthum. als Gottes Wort verehrt und die hebräische Sprache als die anerkannt wurde, in welcher dieses Gotteswort ursprünglich niedergeschrieben worden, ja in der Gott selbst mit den Menschen der Urzeit verkehrt habe: so mußte die später sich an die Bibel anlehnende jüdische Literatur noch mehr Gegenstand geringschätziger Behandlung, ja geradezu der Anfeindung sein. Man fühlte zwar hie und da das Bedürsniß, sich mit dem Inhalte und den bedeutenderen Werken des Judenthums vertraut zu machen, um dasselbe um so siegreicher widerlegen zu können, und es fehlte auch nicht an Anläufen und Versuchen dazu. Allein man hatte am Ende weit greifbarere und wirksamere Mittel der Widerlegung, als dieser mühsame und zweifelhafte Weg darbot: man verbrannte, verjagte, bedrückte die Juden, und so waren sie faßbar widerlegt. Wenn nun dennoch nur aus dem Judenthum heraus eine geläuterte religiöse Erkenntniß hervorgehen konnte und mußte, so bedurfte es um nicht blos die Unkenntniß zu beseitigen, sondern auch um das Widerstreben hochmüthiger Unwissenheit, glaubenswüthigen Dünkels zu brechen, ganz besonderer geistiger Umwälzungen und ganz besonders kräftiger Werkzeuge derselben, es mußte ein positiver Antrieb vorhanden sein sich mit ihm bekannt zu machen. Hier wie an so manchem Punkte der weltgeschichtlichen Ent- Wickelung lernen wir die verschlungenen Wege begreifen und verehren, durch welche der Weltgeist die Menschheit ihren Zielen entgegenführt, wie die scheinbar ablenkenden Pfade gerade allein aus dem Dunkel und der Wirrniß zu der lichten Straße überleiten. Selbst bei der ohne Verdacht, ja mit vieler Gunst aufgenommenen griechischen Literatur suchte man in der ersten Zeit mit einer gewissen Vorliebe Werke auf, die dem Sehnen der Zeit, dem schwärmerischen Fluge, der Erwärmung des Geistes und Herzens durch eine gewisse mystische Verklärung Nahrung gaben; der Aristotelismus, wie er als starrer Dogmatismus, als knöcherne scholastische Abstraction das Mittelalter beberrscht hatte, sollte freieren, kühneren, poetischeren, wenn auch minder klaren Geistesrichtungen Weichen, wie man sie in ächten und untergeschobenen Werken Plato's und Pythagoras', ihrer Jünger, der Orphiker u. A. kennen lernte, und man glaubte diese Anschauungen mit seinen christlichen Empfindungen in den reinsten Einklang versetzen zu können. Und siehe da! gerade hier׳ erbaute sich auch eine Brücke zur Versöhnung mit dem Judenthum. Was in ihm eine Abirrung war, die bald von allen nüchternen