Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 8 (1870)
- Issue
- 4 (1870)
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Reirchlin und das Judenthum. 243 des alten Rom zu Wecken, war gering, so lange der Urquell, der Latium selbst erst befruchtet hatte, eben der Born Griechenlands, ihm verschlossen blieb. Die byzantinische Gelehrsamkeit hatte den Geist des Griechenthums selbst dort verkrüppelt, wo die Kenntniß der griechischen Sprache noch nicht erloschen war, und sie konnte auf ihrem eigenen Boden sich nicht aus ihrer Verkümmerung befreien. Dennoch wurde sie die Handhabe, als sie flüchtig werden und anderswo ein Asyl suchen mußte, unter den jugendlich strebenden Völkern die Saat für die erneute Wissenschaft auszustreuen. Als das byzantinische Reich dem wilden Anprall der Osmanen unterlag, waren die aus Constantinopel flüchtenden Gelehrten die Träger und Verbreiter griechischer Sprachkunde, griechischen Schriftthums und griechischer Wissenschaft, und ihre Anleitungen führten die vorbereiteten Geister unter den einer Neubelebung sehnsüchtig entgegenharrenden europäischen Völkern auf ganz neue Bahnen der Forschung und der Erkenntniß. Reuchlin wirkte an seinem Theile reich mit zur Förderung der Vertrautheit mit der elastischen Litera- Lur, und sein ernstes Bemühen, weit emporragend über das bloße ästhetische Tändeln vieler Humanisten, erleuchtete und kräftigte die Geister. War die allgemeine Bildung ein Zerrbild des alten Griechen- und Römerthums geworden und mußte sie sich durch den ungetrübten Anblick des edlen Vorbildes wieder läutern; so war die Religion ein Zerrbild des Judenthums und konnte sich erst durch die volle Vertiefung in dieses wieder veredeln. Die hebräische Sprache war etwa ein Jahrtausend in der Christenheit verschollen, die Kenntniß der hebräischen Bibel nur durch ungenaue Uebersetzungen vermittelt und auch sie vernachlässigt, ja absichtlich ferngehalten. Wohl hatten die Juden auch in dunkeln Zeiten sich das Verständniß davon bewahrt, selbst wenn ihnen eine wissenschaftliche Durchdringung fehlte, und so hätte man durch deren Hülfe damit bekannt werden können. Allein abgesehen von dem Mangel an allem Sinne dafür, von dem gänzlichen Fehlen eines jeden Bedürfnisses danach, war alles Hebräische gerade deßhalb schon in Verachtung gerathen, weil es im Besitze der Juden war, sah man es nicht blos geringschätzig, sondern auch mit feindseligem Blicke an, und ein Schüler der Juden zu werden, galt für die tiefste Selbsterniedrigung. War dies für das Hebräische und die Bibel maßgebend, obgleich diese von den Christen nicht minder als von den Juden 16*